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Do September 12th, 2013

lichtsicht 4 in Bad Rothenfelde – Interview mit Prof. Manfred Schneckenburger

Zum vierten Mal bereitet Prof. Manfred Schneckenburger die lichtsicht in Bad Rothenfelde vor, die am 27. September 2013 eröffnet wird und bis zum 5. Januar 2014 läuft.  Schneckenburger, der als Einziger zweimal die documenta geleitet hat, erklärt das Besondere an der Projektions-Biennale im Osnabrücker Land. Hier das offizielle Interview.

Manfred Schneckenburger
Majo Ussat, Produktionsleiter der Bremer Künstlergruppe Urbanscreen, im Gespräch mit Prof. Manfred Schneckenburger

Die Generalprobe ist gelaufen, wie war Ihr erster Eindruck?

Sehr positiv. Es werden starke, reiche Bilder gezeigt. lichtsicht 4 präsentiert ein breites Spektrum der heutigen Projektionskunst.

Wie hat sich lichtsicht 4 verändert?

lichtsicht 4 ist kritischer geworden, sie beschäftigt sich intensiv mit Problemen unserer Gegenwart, so thematisiert sie Terror, Krieg, Umweltschäden, die aktuelle Finanzkrise oder, ganz allgemein, die Zukunft der Menschheit. Vorherige lichtsicht-Biennalen waren mehr an der Natur, am lokalen Produkt Salz oder an der Kommunikation unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen ausgerichtet.

Was sind die besonderen Anforderungen an eine Projektion in Bad Rothenfelde?

Dass sie sich mit Ort und Raum, insbesondere mit der speziellen Struktur des Gradierwerks verbindet! Diese Kunstform ist per se ortsspezifisch, durch den ungewöhnlichen Projektionskörper wird das noch bekräftigt. lichtsicht lässt sich, je besser sie glückt, nicht versetzen.

Es kommen auch internationale Künstler zur lichtsicht 4. Nach welchen Kriterien wählen Sie die aus?

Wir legen verschiedene Kriterien zugrunde. Natürlich muss, nach unserem Ermessen, in erster Linie die Qualität stimmen. Eine Projektion sollte auch thematisch passen und das Gesamtkonzept bereichern. Beispielhaft dafür steht das kleine Gradierwerk. Hier stand schon bald fest, dass deutlich formbestimmte Vorschläge zusammenkamen. Also haben wir in diese Richtung gesucht und ergänzt. Für das große Gradierwerk zeigte der Richtpfeil früh auf eine, im weitesten Sinn, politische Thematik. In der Folge heben sich die beiden Standorte mit programmatischer Entschiedenheit voneinander ab.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Vorfeld der Biennale mit den Künstlern?

Die Künstler markieren ihre Ideen im Grundriss und liefern für die Realisierung ein ungefähres Konzept. Dieses konkretisiert sich nach und nach, auch im Gespräch mit den Kuratoren. Wir achten dabei u. a. darauf, ob der Vorschlag auch in seiner Endfassung noch zum Gesamtkonzept stimmt, allerdings in größter Offenheit und Flexibilität für neue Lösungen.

Liegen jetzt alle Arbeiten vor?

Ja, mittlerweile sind alle Beiträge durchgespielt und schon einmal über die Beamer getestet worden. Diese Tests, gemeinsam mit den Künstlern, sind absolut notwendig, da Dimension und Oberfläche der Gradierwand das Endbild erheblich verändern können. Letzte Entscheidungen fallen meist vor Ort.

Gibt es in diesem Jahr eine Arbeit, die Sie besonders berührt hat? Warum?

Viele der Arbeiten haben mich auf unterschiedlichste Weise berührt. Aber die Eine hervorzuheben, würde den Anderen nicht gerecht werden.

Was kann dann noch schief gehen?

Es wäre sehr schade, wenn es bei der Eröffnungsfeier in Strömen regnen würde. Unsere Schutzhülle für die Beamer hält dem allerdings stand. Es sei denn, der Strom fällt aus.

Wie definieren Sie Projektionskunst?

Wir sprechen hier von „Erweiterter Projektion“. Bisherige Projektionen fanden vor allem auf der weißen Wand oder Leinwand statt. Die „Erweiterte Projektion“ spielt auf Gebäude, Mauern, Bäume, Wasserfontänen, im Prinzip auf jeden einigermaßen erreichbaren Grund. Im Gesamtbild spricht dieser Grund immer mit.

Seit wann gibt es diese Kunstform und wie hat sie sich entwickelt?

Die ersten Projektionen taten ihren größten Entwicklungsschritt vor gut 100 Jahren mit der Erfindung des Kinos – für die Leinwand, in einem Saal mit fester Bestuhlung. Vorläufer der Ausweitung setzen dann in den frühen 50er Jahren im Kreis um den amerikanischen Erzavantgardisten John Cage ein. In den 60er Jahren verbreitern Multimediaspektakel den traditionellen Rahmen der Vorführung, aber zu den ersten Pionieren gehören, neben Tony Oursler auch die „Rothenfelder“ Andreas Kaufmann und das Künstler-Duo Katarina Veldhues und Gottfried Schumacher, die auf lichtsicht 1 und 2 große Auftritte hatten.

Welche unterschiedlichen Darbietungsformen gibt es?

Rein technisch gesehen, lassen sich analoge Dia- und Videoprojektionen von Darbietungen unterscheiden, die mit Hilfe des Computers generiert wurden. Jedoch auch aus inhaltlicher, narrativer Sicht kommen verschiedene Typen vor. Gleich zweimal ist auf lichtsicht 4 eine Art modernes Mysterienspiel vertreten, das sich auf die ganze Menschheit bezieht. Außerdem heben sich, wie gesagt, Projektionen mit Kritik am aktuellen Zeitgeschehen hervor. Dazu treten eher formale Eingriffe in die Gradierwand neben überdimensional vergrößerte Relikte aus der Natur. Alle Annäherungen führen über Wege, die im Grundsätzlichen fundiert sind.

Wie unterscheidet sich die Biennale in Bad Rothenfelde von den vielen anderen Lichtveranstaltungen in anderen großen Städten?

Indem Licht hier vor allem ein Transportmittel für Kunst und kein künstlerischer Selbstzweck ist. Nur in Bad Rothenfelde geht es in erster Linie um Bilder an sich, die erzählen, kommentieren, kritisieren, poetisieren können. Sie erfüllen damit Aufgaben, die dezidiert in Traditionen der Bildenden Kunst und nicht des Stadtdesigns oder der Dekoration stehen.

In welche Richtung kann sich die Projektionskunst noch weiterentwickeln?

Das ist völlig offen. Jeder neue Projektionskörper kann eine neue Richtung vorgeben und damit der Beginn einer neuen Entwicklung sein. Auch die Technik wird weitergehen. Manche denken, Partizipation und die Verwandlung des Betrachters in einen Akteur könnten den nächsten Schritt auslösen. Doch ich will nicht spekulieren.

lichtsicht 4 ist für jedermann frei zugänglich. Kleine Verzehrstände laden an vielen Abenden zum Verweilen ein. Besucher können sich den Kunstparcours selbst erwandern oder an einer fachkundigen, etwa einstündigen Führung teilnehmen. Informationen hierzu erhalten Sie bei der Kur und Touristik GmbH in Bad Rothenfelde, Telefon: 05424-2218-0, eMail: touristinfo@bad-Rothenfelde.de und auf der Internetseite www.lichtsicht-biennale.de.

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