Fr November 13th, 2009
1,9 Prozent retten die Welt – Kulturhaushalte werden durch Komplettstreichung alle öffentlichen Haushalte sanieren
Hurra, endlich, endlich ist den Kulturschaffenden der Republik ihre historische Chance gegeben, nachhaltig, zukunftsfähig und selbstlos alle hoch verschuldeten öffentlichen Haushalte zu retten. Das, was wir alle doch immer wussten, auf die Kulturschaffenden ist Verlass. Sie werden in diesen schwierigen Zeiten natürlich nicht zurückstehen und jeder und jede ihren individuellen Beitrag leisten.
Die durchschnittlich 1,9 Prozent der öffentlichen Haushalte, die in Kulturförderung, Projekte, Ausstellungen, Konzerte, Theater, Lesungen, Filmförderung, Museen, Ausstellungsorte, Förderpreise, Kinderveranstaltungen, Tanz- und Ballettaufführungen usw. fließen, stellen eine so ungeheure Masse an Geld dar, dass das bisschen erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt von 2,6 Prozent auch wegfallen kann. Die chemische Industrie als zukunftsweisende, ernstzunehmende Branche erwirtschaftet ja mit 2,6 Prozent einen deutlich höheren Anteil, die notleidende Landwirtschaft, egal ob ihre Erzeugnisse gebraucht werden oder nicht (dann bringen wir die Milch nach China) ist da in jeder Höhe natürlich deutlich wichtiger, die notleidenden Ärzte in diesem effektiven und ungeheuer preiswerten Gesundheitswesen mit den vielen schön bunten Krankenkassen und Pharmazieherstellern brauchen auch den solidarischen Verzicht der Kulturschaffenden. Schließlich hängt nicht nur die Autoindustrie mit den deutschen Edelmarken an diesen beiden Branchen, auch die petrochemische Industrie will den subventionierten Diesel ja auch weiter in die Landwirtschaft geben. Und Künstlerinnen und Künstler die sich weder ein Auto noch eins mit Stern leisten können helfen da nicht.
Aber im Ernst, der Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat in seiner Aussprache zur Regierungserklärung deutlich gemacht, dass die durchschnittlich 1,9 % der öffentlichen Haushalte die für die Kultur ausgegeben werden, nicht weggespart werden dürfen, da das Einsparpotential den entstehenden radikalen Flurschaden im Kulturbereich nicht rechtfertigen kann.
Kulturschaffende sind an vielen Stellen mit wenig Geld überall an der Basis der Republik am Werk, Kindertheaterprojekte, Musik für Kinder, Musik und Theater für und mit Erwachsenen, Kunstausstellungen, Kunstprojekte, die Kunstvereine und Galerien, Lesenächte, Dichterlesungen, leisten einen nicht in Geld zu messenden kulturellen Beitrag für unser pluralistisches Gemeinwesen. Und wenn überhaupt irgendwo Kultur zu Menschen transportiert wird, dann hier. Und jeder und jede freut sich, wenn mal bei einer Veranstaltung nicht sofort der Sponsor genannt wird, der “Outfitter” für den Hauptact oder was auch immer.
Effektive Sparmaßnahmen die im Gesamtbudget für Projekte sinnig wären, wäre z.B. bei Veranstaltungen, Eröffnungen auf die Kanapees und den Sekt für die Honoratioren zu verzichten. Auch brauchen die Pressevertreterinnen und Vertreter selten ein warmes oder kaltes Mittagessen. Hier leidet niemand Hunger und könnte auf diesen Mitnahmeeffekt zugunsten der Kunst verzichten. Die immer wieder gerne gegründeten Landes- oder Bundesbüros, die Kulturförderung beraten und weder Fördertöpfe bekommen, noch Richtlinienkompetenz haben, könnten vielleicht mal nicht gegründet werden. Die Strukturen, die auf Landes-, Bundes- und Regionalebene sind, könnten auch mal überdacht werden. So viele Parallelstrukturen oder Zwischeninstanzen, die Kirchturmdenken fördern, sind überflüssig. Das System der Erwachsenenbildung oder der Arbeitsloseninitiativen sollte mal überprüft werden. Wie viele VHSen haben unfähiges Personal oder Personal, dass vor lauter Verwaltung wenig innovativ ist. Oder die Parallelstrukturen, die die größtmögliche Schonhaltung bei den Amtsinhabern im Dienst und viel Kreativität in den privaten Geschäften mit den Institutionen einfließen lassen. Warum nicht auch diese Strukturen hinterfragen? Aber selbst in diesen Strukturen ist immer noch viel weniger öffentliches Geld unterwegs, als in Förderungen und Subventionen für die “harte, echte Wirtschaft”.
Mal einen Panzer weniger kaufen für die Kultur, mal dort privatisieren, wo es sinnvoll ist. Mal die Förderarithmetik durchbrechen, die auf die optimale Fördersumme schielt, wenn es auch mit weniger Geld gehen würde. Mal da weniger reglementieren, wo gesunder Menschenverstand angebracht wäre. Und feste Strukturen, die sich überholt haben aufweichen. Brauchen wir ein System von Beamten, erster, zweiter und dritter Klasse in der Bezahlung, wenn doch überall Unzufriedenheit mit der Arbeitssituation und ein hoher Krankenstand zu finden ist. Wer als Arbeitseinstellung die berühmten drei Affen gut sichtbar auf dem Schreibtisch für Kunden, Vorgesetzte und Kollegen sitzen hat, ist doch an dieser Stelle nicht optimal eingesetzt.
In jeder Krise steckt eine Chance, ganz zu schweigen davon, dass das viele, viele Geld das jetzt fehlt ja irgendwo hin ist, warum kann diese Situation nicht zu strukturellen, positiven Veränderungen führen und einem positiven Diskurs in welcher Ordnung wir leben wollen. Ist das Phrasendreschen und die Angst und Panikverbreitung schon so oft eingesetzt worden, dass diese Instrumente nicht mehr greifen. Kunst und Kultur in der historischen pluralistischen Prägung sind auch jenseits von Religion und Weltanschauung so stark, dass sie gegen Krise starkmachen können. Nicht um sonst wird z.B. Bianca Jagger Theaterprojekte in Krisenregionen unterstützen, damit die Menschen außer Not und Angst etwas Positives erleben. Kinder sehen, dass es sich lohnt, erwachsen zu werden. Das sind Ziele, die mit Kunst und Kultur erreicht werden können. Und da sind die 1,9 Prozent Kulturförderung unglaublich billig, preiswert, wenig für soviel Freude und Perspektive für unser Land.
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Christiane Hoffmann, ist Inhaberin der






2 Kommentare to “1,9 Prozent retten die Welt – Kulturhaushalte werden durch Komplettstreichung alle öffentlichen Haushalte sanieren”
Das Bild hier gefällt mir! Finde alle solche plötzlich gemachte Sachen eigentlich die beste Kunst…Wer könnte es so schön machen…?
Fr 13. November 2009 at 15:41
Hallo Kunstfreundin,
was für ein schönes Foto! Aber das nur am Rande. Was wichtiger ist: In der deutschen Kunst-und Kulturszene gibt es niemand, der oder die was zum Tagespolitischen zu sagen hat; fast niemand und Du bist die große Ausnahme. Macht Spaß zu lesen, aber auch, um auf die Barrikaden zu gehen. Lass uns mal das Barrikadenersteigen als Aktion für die Kunst angehen. Die größte Hürde sehe ich derzeit in Deutschland mit Deiner Forderung nach gesundem Menschenverstand, wo doch landauf und landab nur noch Juristen sich was sagen trauen.
Vielleicht lassen wir die Barrikadenerstürmung auch laufen unter: Mal einen Panzer weniger kaufen für die Kultur, mal dafür eine Kunstaktion sponsorn.
Ich sehe uns beim Fahneschwenken.
Wolfgang Meluhn
Sa 14. November 2009 at 13:15
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