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Do Juni 8th, 2017

documenta 14 – Brennglas der Zeit 1

Kommunikation kann anstrengend sein. Viel und lange und oft über Gedanken reden, schreiben und als Publikum lesen. Viele, viele Seiten sind so im Vorfeld zusammen gekommen. Aber jetzt geht es los, jetzt ist in Kassel fast alles gerüstet für den 100 Tage Marathon in Sachen Kunst.
Und es ist wirklich ein Großereignis. Alleine die Orte die dazu gehören über 30 Stück in der Stadt verteilt und dann die verschiedenen Ausstellungen die parallel passieren, Münster, Hannover, Bielefeld, Bad Driburg und viele kleine Orte um nur etwas zu nennen.

Beim ersten Besuch ist „nur“ das Fridicianum, die documenta Halle, die Aue, Friedrichsplatz, Elisabeth Kirche, Belvedere, neue Galerie „geschafft“. Die Torwache ist außerhalb beim reinfahren zu sehen und der Königsplatz und der Kulturbahnhof ergibt sich, je nach dem wie man anreist.

Das Parthenon der Bücher, auch wenn es noch nicht fertig ist ist gewaltig und natürlich das „Gesicht“ der documenta 14.

Bild: Parthenon der Bücher noch nicht fertig, von Marta Minujin

Die Tiefbauröhren ebenfalls auf den Friedrichsplatz, die das Thema leben in der Stadt, wenn kein Geld für menschenwürdigen Wohnraum ausgegeben werden kann (von den armen „Mietern“ oder dem öffentlichen Wohnungsbau) und nur noch Luxuswohnungen entstehen ist ebenfalls erschreckend real. Bürgerliches Wohnen in bekanntem Maße in den Untergrund gedrängt, krass und real zu gleich. Eine Realität die nichts mit dem „obdachlosen, Almosenempfängern“ mehr zu tun hat. Sehr politisch und sehr richtig. Die politische Aussage über die Menschenwürde, Verteilung von Reichtum in Europa. Auch ein Bild der documenta 14.

Bilder: Tiefbauröhren Gesamt und Detail auf dem Friedrichsplatz, Hiwa K.

Die documenta Halle mit den aufgehängten Flüchtlingsbooten ist das Bild der zweiten großen Thematik: Fluchtströme. Hier ist viel Raum, vielleicht die Weite des Ozeans spiegelnd, so wie die aufgehängten Totenhemden und Leichentücher unter der Decke. Die Halle will größe zeigen, aber es mag nicht so ganz gelingen. Vielleicht der schwächste Raum der documenta 14.
Die Aue ist fast „unbespielt“ weit verteilt die Beiträge dort. Nichts für schlechtes Wetter. Mehr ein Spaziergang.

Die Neue Galerie fast das Thema „Beutekunst, Arisierung und Kolonialismus“ an. Auch durch größe und viel Textil. Durch die Tageslichtöffnungen entsteht eine Wirkung die nicht verfehlt. Die Welten der Gier und der Opfer werden zusammen gezeigt und ihre Vermischung. Sehr interessant und auch wieder sehr klar, auch im kleinen ist man Teil an dem Tun, dass zu arm und reich, führt.

Das Fridrizianum ist der klarste Ausstellungsort durch seine vielen Flügel und Räume. Der Panzer in Originalgröße aus Polstern mit Tarnfarbenstoffen bezogen ist skurill und schrill und so herrlich Utopisch wie die Cosmatenböden aus Beamern direkt im Eingangsbereich. Großer Start dort.

Bild: Panzer aus Polstern, Kassel documenta 14, Fridrizianum

Der heimliche Star ist der selten einbezogene Turm, in dem eine Glasarbeit den Zustand der EU zum Thema hat. Zerschlagene, gläserne Landesfahnen der Mitgliedsländer übereinander und wild durch einander. Aber noch erkennbar. Da muss der Aufbau, der das Zerschlagen wohl live erlebt hat ein höllen Lärm gewesen sein. Vermutlich wird der Raum ob seiner schwierigen Erreichbarkeit über die Wendeltreppe vielen verborgen bleiben.

Bildquelle: Arbeit im Turm des Fridricianums

In der Villa Belvedere vor der Neuen Galerie ist die Videoarbeit zum Thema Dyson-Staubsauger der Star. Schrill, skuril und schräg. Eine herrliche Karikatur was man für „körperliche“Liebe und Öffentlichkeit tut. Und wofür Staubsauger immer schon eine Projektionsfläche boten. Frei nach Loriot : “ es saugt und blässt der Heinzelmann,…“

Das vielleicht umfänglichste Kunstwerk ist eigentlich nicht Teil der documenta 14 sondern ebenan. In der Elisabethkirche hat die Künstlerin Anne Gathmann eine Installation verwirklicht, die den ganzen Innenraum füllt. Und der Kirchenraum wird eine Oase der Ruhe bleiben, die 100 Tage.

Die documenta 14 ist politisch und aufwühlend, aber sie gibt keine Richtung vor. Das ist anstrengend und schwierig, weil sogar der „Parcour“ durch die Stadt nicht „von selber“ gelingen will. Spaziergänge anstatt Führungen, sich treiben lassen, entdecken ist das Credo der Macher. Aber schon alleine die Farbwahl der Infrastruktur, schwarz auf Gold in kleinen weniger als 1 Meter hohen Schildern. Überhaupt ist durch das Fehlen eines Gesamtkataloges die Namensrecherche der Künstler und der Werktitel kaum zu bewerkstelligen. Schade

Teil 2

Teil 3




2 Kommentare to “documenta 14 – Brennglas der Zeit 1”

documenta 14 – Brennglas der Zeit 2 | kunstfreunde sagte:

[…] Die documenta 14 ist politisch und aufwühlend, aber sie gibt keine Richtung vor. Das ist anstrengend und schwierig, weil sogar der „Parcour“ durch die Stadt nicht „von selber“ gelingen will. Spaziergänge anstatt Führungen, sich treiben lassen, entdecken ist das Credo der Macher. Aber schon alleine die Farbwahl der Infrastruktur, schwarz auf Gold in kleinen weniger als 1 Meter hohen Schildern vor die Gebäude gestellt, sind von Weitem nicht zu sehen. Die großen Hinweistafeln an den Containern für Garderoben, Kasse, Info, sind auch schlecht von Ferne zu lesen, so dass man auch gerne mal vorbei läuft. […]

Do 8. Juni 2017 at 15:39

documenta 14 – Brennglas der Zeit 3 | kunstfreunde sagte:

[…] Teil 1 Teil 2 […]

Do 8. Juni 2017 at 15:53

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