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Di Juni 11th, 2013

Piero Manzoni – Körperkunst im Frankfurter Städel

Das Frankfurter Städel zeigt vom 26. Juni bis 22. September 2013 die Ausstellung „Piero Manzoni – Als Körper Kunst wurden“.

Der früh verstorbene Piero Manzoni (1933–1963) gilt trotz seines kurzen Lebens als folgenreichster Künstler der italienischen Nachkriegskunst. Am 13. Juli 2013 wäre er 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass – und exakt fünf Jahrzehnte nach seinem Tod – ehrt das Frankfurter Städel Museum diesen zentralen Künstler der Nachkriegsavantgarde mit einer umfassenden Überblicksschau, der ersten Manzoni-Retrospektive im deutschsprachigen Raum überhaupt. Die Schau zeigt mit über 100 Werken vom 26. Juni bis 22. September 2013 die Radikalität seiner künstlerischen Position, die das Duchamp’sche Readymade einer folgenreichen Revision unterzieht, zentrale Diskurse der Moderne, wie die Monochromie, zu Ende denkt und die Malerei in die Bereiche des Alltags und der Warenästhetik öffnet. Mit Arbeiten wie der Merda d’artista – (angeblich) 30 Gramm Künstlerscheiße in streng limitierter Auflage – oder dem Socle du monde (Sockel der Welt, 1961) – einem Sockel, der die Welt zum Kunstwerk erhebt – schuf Manzoni Ikonen der jüngeren Kunstgeschichte. Über 100 Werke aus allen Schaffensperioden ermöglichen in der Ausstellung einen komplexen Einblick in ein bis heute virulentes Werk zwischen Informel und dem Aufkommen eines neuen Kunstbegriffs, zwischen klassischer Moderne und Neoavantgarde, zwischen Kunst und Alltag.

Manzonis nach wie vor ungebrochener Einfluss auf die zeitgenössische Kunstproduktion wird in der Ausstellung durch Arbeiten der Künstler Erwin Wurm (*1954), Leni Hoffmann (*1962) und Bernard Bazile (*1952) verdeutlicht, die – im Sinne eines essayistischen Einstiegs in die Ausstellung – zentrale Aspekte von Manzonis Werk auf ihre Relevanz für die Gegenwart befragen.

Piero Manzoni wurde am 13. Juli 1933 in Soncino (Lombardei) als Sohn von Valeria Meroni und Egisto Manzoni, Graf von Chiosca und Poggiolo, geboren. 1951 nahm er ein Jurastudium auf, 1955 ein Studium der Philosophie. Im gleichen Jahr richtete er seine erste Einzelausstellung in Soncino aus. In dieser Zeit lernte er Künstler der Gruppe CoBrA, der „Spatialisten“ um Lucio Fontana und schließlich der Gruppe Arte Nucleare kennen, denen er sich 1957 anschloss. In Rotterdam fand 1958 seine erste Einzelausstellung im Ausland statt. Gemeinsam mit Enrico Castellani gründete Manzoni ein Jahr später die Mailänder Galleria Azimut. In Frankfurt waren seine Arbeiten erstmals 1961 in der Galerie dato zu sehen. Am 6. Februar 1963 starb Piero Manzoni 29-jährig in seinem Mailänder Atelier an einem Herzinfarkt.

Die Ausstellung im Städel Museum eröffnet im Erdgeschoss des Ausstellungshauses mit Frühwerken Piero Manzonis, die sich formal zwischen informellem Bildgrund und stark abstrahierter Figürlichkeit bewegen. Der Provokateur und Avantgardist agierte als Schnittstelle des internationalen ZERO-Netzwerks, sodass Manzonis frühe Arbeiten in der Schau gemeinsam mit ausgewählten Werken seiner Zeitgenossen, etwa Lucio Fontana, Alberto Burri oder Yves Klein, und ZERO-Künstlern wie Günther Uecker oder Heinz Mack präsentiert werden.

Gleich zu Beginn der Ausstellung wird damit das weit verzweigte Umfeld Manzonis ebenso sichtbar wie die Wechselwirkung und der Austausch mit seinen eng verbundenen Zeitgenossen in Düsseldorf, Amsterdam, Frankfurt am Main, Paris oder Kopenhagen. Im anschließenden komplett offenen Ausstellungsraum bilden 43 Arbeiten der zentralen Werkgruppe Manzonis, der Achromes, die Basis und Klammer der Präsentation: Ein sich über alle vier Außenwände erstreckendes Band entwickelt eine nahtlose Chronologie dieser epochalen Werkgruppe, die sich einmal um die gesamte Ausstellung zieht. Zwischen 1957 und seinem Tod im Jahr 1963 entstanden annähernd 600 Arbeiten dieser Malerei ohne Farbe, die in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen zur Hintergrundfolie seines gesamten OEuvres wurden.

Durch die offene Ausstellungsarchitektur umschließen die Achromes die performativ körperbezogenen Werkgruppen Manzonis, die mittels eines freistehenden architektonischen Displays im Zentrum der Ausstellungshalle präsentiert werden. Bei der Herstellung seiner „farblosen“ Arbeiten verzichtete Piero Manzoni auf jede unmittelbare künstlerische Geste. Seine monochrome Malerei definiert sich durch die Abwesenheit von Farbe: Weiß oder „achrome“ heißt bei Manzoni materialfarben. Damit nimmt er im Kontext der internationalen ZERO-Bewegung und deren Hinwendung zur Monochromie eine Sonderstellung ein: Einerseits betrachtete Manzoni seine Achromes trotz ultimativer Reduktion als Malerei, anderseits erweiterte er sie zugleich mit Dingen des Alltags wie Brötchen oder Styropor um Körper und Raum. Mit Gips, Kaolin oder synthetischen Fasern griff er zu Mitteln, die plastische Eigenschaften aufweisen und somit den Übergang vom Bild in eine dritte, körperliche Dimension eröffneten. Die konzeptuelle Strenge der Beschreibung dieses radikalen ästhetischen Konzepts wird mit samtigen, seidig glänzenden oder vielfältig haptischen Oberflächen Lügen gestraft.

Nach der Farbe reduziert Manzoni auch deren Gegenüber, die Linie, auf ihren radikalen Wesenskern: Mit der seit 1959 entstandenen Werkgruppe der Linee (Linien) schuf Manzoni über 130 konzeptuelle Arbeiten, welche die Idee der isolierten Linie als reduzierte künstlerische Geste präsentieren: Die einförmigen, horizontal auf lange Papierstreifen gezeichneten Linien wurden aufgerollt und in Dosen verschlossen der Sichtbarkeit entzogen. Präsentiert werden sie wie kleine Figurinen in aufrecht stehenden Pappzylindern.

Den Höhepunkt dieser Werkreihe bildet zweifellos eine über sieben Kilometer messende, in einem Zinkzylinder eingeschlossene Linie, die Manzoni 1960 in der Druckerei einer Zeitung zog. Die Auseinandersetzung mit dem Körper bildete für Manzoni die zentrale Fragestellung in seinem Schaffen, die er logisch aus der Körperlichkeit der Achromes und Linee ableitete. Seit Ende der 1950er-Jahre entstanden die Corpi d’aria (Luftkörper) und Fiato d’artista (Künstleratem) – Arbeiten, die sich zwischen Gegenstand und Biologie, zwischen Körper und Konzept bewegen. Die in der Ausstellung präsentierten Luftballons, ehemals gefüllt mit dem Atem des Besitzers oder Manzonis, verweisen auf einen neuen, die 1970er-Jahre vorwegnehmenden Körperdiskurs, der auch in weiteren Arbeiten des Italieners zu finden ist.

So bei der Aktion Consumazione dell’arte (Kunstverzehr, 1960), bei der Manzoni gekochte Eier mit seinem Fingerabdruck signierte und den Besuchern anschließend zum Verzehr anbot. Der Fingerabdruck ist die reduzierteste physische Spur des Künstlers, die gleichsam zum Zeichen seiner Identität als Individuum, Körper und Künstler wird. Die Provokation seiner vielleicht bekanntesten Werkgruppe Merda d’artista (Künstlerscheiße, 1961) ist noch heute, fünf Jahrzehnte nach Manzonis Tod, ungebrochen: 30 Gramm Kot des Künstlers in streng limitierten handlichen Dosen,  die angeblich im Kunsthandel zum Goldpreis verkauft wurden. Die Werkgruppe kann als logische Konsequenz der früheren Kunstverzehraktionen gesehen werden: Der Künstlerkörper wird zum biologischen Medium der Kunstproduktion, und das Readymade Duchamps findet sich in der menschlichen Biologie geerdet. Die Ausstellung zeigt elf Dosen dieser Werkserie, die das Hohe mit dem Niedrigen, das Geistig-Abstrakte mit dem allzu Konkret-Körperlichen verbindet und so den traditionellen Kunstbegriff radikal erweitert. Der sich daraus entwickelnde Körperdiskurs findet seinen Höhepunkt in den in der Schau präsentierten Sculture viventi (Lebende Skulpturen, 1961). Mit den qua Sockel zur Kunst deklarierten Körpern schuf Manzoni Arbeiten, die sich den Menschen als lebendiges Kunstwerk aneignen. Auf einem Museumssockel wird jeder, der auf ihm steht, temporär zur lebenden Skulptur und zum Kunstobjekt erhoben. Über das Konzept des Readymade hinausgehend bildet der Körper das Material der Kunst. Manzoni bezog das Publikum in die Konzeption ein und öffnete die Tür zur Aktionskunst der 1960er- und 1970er-Jahre.

Die in der Ausstellung ebenfalls präsentierte Arbeit Socle du monde (Sockel der Welt, 1961) richtet den Fokus gleich auf die gesamte Welt – ein vermeintlich kopfüber aufgestellter Sockel erhebt die Welt allumfassend, den Künstler einschließend, zum Kunstwerk. Die Ausstellung bekommt mit zeitgenössischen Positionen von Erwin Wurm (*1954), Leni Hoffmann (*1962) und Bernard Bazile (*1952) ein essayistisches Vorwort im Foyer des Ausstellungshauses, das zentrale Aspekte im Werk Manzonis in ihrer Relevanz für die Gegenwart befragt.

So stellt Erwin Wurm in einer eigens für die Schau entwickelten One Minute Sculpture den Besucher als lebende Skulptur vor. Leni Hoffmann schließt mit einer Neuauflage der längsten Linie aus Manzonis Werkserie Linee an die Rezeption seines Werk an, indem sie eine schier endlos lange Linie an der Rotationspresse einer Tageszeitung realisiert. Bernhard Bazile ist mit zwei Arbeiten in der Ausstellung vertreten. In seinem Filmprojekt Die Besitzer interviewt er 49 Sammler, die eine Merda d’artista besitzen und im Gespräch über die Bewegründe ihres Ankaufs weit über den eigentlichen Gegenstand der Betrachtung hinaus das OEuvre Manzonis reflektieren. Nicht zuletzt ist auch die 1989 von ihm geöffnete Merda d’artista Manzonis, die er seither als sein eigenes Kunstwerk Boîte ouverte de Piero Manzoni präsentiert, in der Schau zu sehen. Die Ausstellung „Piero Manzoni. Als Körper Kunst wurden“ zeigt ein Werk, das in radikal erneuernder Weise zentrale Fragestellungen der Spätmoderne zu einem differenzierten, für die Gegenwartskunst wegweisenden OEuvre zu verdichten vermochte. Manzonis Arbeiten markieren heute eine Schlüsselposition, die einen konzeptuellen Körperdiskurs schuf und zum Gradmesser eines neuen, erweiterten Kunstbegriffs wurde, der bis in gegenwärtige Debatten hineinwirkt.




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