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So Februar 19th, 2012

Hamburger Kunsthalle zeigt müde Helden – Burnout als Status?

Die Hamburger Kunsthalle zeigt noch bis zum 13. Mai 2012 die Ausstellung Müde Helden: Ferdinand Hodler – Aleksandr Dejneka – Neo Rauch. Eigentlich geht es um die Entwicklung der Utopie des ‚Neuen Menschen‘ im 20. Jahrhundert. Nicht nur den Kollegen vom Spiegel war auch der „Burnout-Faktor“ in den Bildern aufgefallen.

Aber erst zur Ausstellung: Als Idee steht historisch gesehen der Schweizer Maler Ferdinand Hodler am Anfang. Als einer der künstlerischen Exponenten der Lebensreformbewegung gibt er dem um 1900 mit großem Pathos vorgetragenen Thema des ‚Neuen Menschen‘ in seiner Malerei künstlerischen Ausdruck. Seine großfigurigen Gemälde weiblicher und männlicher Gestalten tragen jedoch ungeachtet ihrer monumentalen Gestalt bereits die Zeichen des Artifiziellen und Dekorativen an sich – und können von daher als ‚müde Helden‘ betrachtet werden.

Der im Westen weniger bekannte, 1899 in Kursk geborene russische Maler Aleksandr Dejneka war zwischen 1918, dem Todesjahr Ferdinand Hodlers und der Verordnung des Sozialistischen Realismus in der Sowjetunion im Jahr 1932 ein Protagonist der postrevolutionären Malerei. Bisher völlig unbeachtet blieb, wie sehr sich Dejneka in seinen Bildmotiven, wie auch in der Körpersprache und der Modellierung seiner Personen an Hodlers eurythmisch bewegten Figuren orientiert. In seinen Gemälden ersetzt Dejneka die aufblühende Natur durch im Aufbau befindliche Industrielandschaften. Dejnekas Arbeiterinnen und Arbeiter erscheinen wie die Wiedergeburt der symbolistischen Malerei des Schweizers in proletarischem Gewand.

Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts greift der in der DDR aufgewachsene und ausgebildete Neo Rauch den von Hodler und Dejneka geprägten Typus nach dem Ende des Kommunismus erneut auf. Mit bewusstem Rückgriff auf die Helden aus der Technik und Industrie der 1920er und 1930er Jahre lässt er die Figuren in Posen der Handlungshemmung erstarren und in absurden Zusammenhängen ins Leere laufen.

Zum Burnout bei den Helden könnte man sarkastisch sagen, dass im 21. Jahrhundert die Müdigkeit dem Burnout gewichen ist. Und das scheint ja gespiegelt an der Buchfront ein „Status“ der superschnellen, tollen Menschen zu sein, die es dann mal „ein wenig“ übertrieben haben. Die Betroffenheit ist dann groß, bei dem jeweiligen Fall, weil die Betroffenen ja prominent sind. Aber insgesamt, dort wo Meinung gemacht wird, dort wo große oder auch kleine Firmen geführt werden, wird die Gesamtsicht aller Beteiligten nie gespiegelt. Dort wird wenn man gerade nicht betroffen ist, nur über die Superschnellen gejubelt.
Was dahinter steht, ist dann ja immer egal. Das die superschnellen Superjungen (immer im Verhältnis zu den Eignern oder den Aktienmehrheiten) um ihre Schnelligkeit zu demonstrieren, ja gerne jede Menge Mitarbeiter schnell für sie arbeiten, man könnte auch sagen sie verheizen die Untergebenen für ihr Tempo. Diese „Arbeitsbienen“ kloppen Stunden um unsinnige, schnelle Dinge zu erarbeiten, um zu Erleben, wie diese Ergebnisse superschnell wieder verworfen werden von den superschnellen Chefs.
Und dann ist Burnout was für die Besserverdienenden, wenn man sich die Privatkliniken die sich auf Burnout spezialisiert haben ansieht. Und diese Menschen, die sich diese Kliniken nicht leisten können, oder die dem Arbeitgeber nicht so wichtig sind, die versuchen dann verzweifelt trotzdem zu funktionieren. Das klappt bis was passiert z.B. man ein krankes Kind zu Hause hat. Wenn die Nächte zur Regeneration unmöglich werden. Was ist an dieser Stelle die Lösung: Eltern gehen zu den Kinderärzten, um ihren Kindern Antibiotika zu verpassen, damit die schnell wieder in der Spur sind.
Alles im Sinne des Funktionierens. Toll ist dann, wenn die Superschnellen noch Studien machen lassen, die belegen, dass die Eltern und Ärzte ihren Kinder gegenüber nicht das richtige machen.
Das kann man ja auch einzeln sehen, aber diese Entwicklungen gehören zusammen und müde Helden sind eigentlich das einzige was wir brauchen. Müde, Pause, Zeit für sich selber und menschliche Nähe ohne Aktionismus. Aber das kommt halt nicht so gut an, Burnout ist halt schicker. Daher ist die Ausstellung in Hamburg genau zu richtigen Zeit. Maßhalten, geniessen, Zeit für einander haben. Kunst zu betrachten und Kunst ins Leben zu lassen. Warum eigentlich nicht?




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