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Do April 20th, 2017

Ausstellungsbesuch in Gent im Caermerskloster – Ur oder die Wurzeln Flanderns

Das Gent meist mit Brügge und Antwerpen genannt wird, kommt nicht von ungefähr. Allerdings unterscheiden sich die drei Städte nicht so sehr durch ihr historisches Erbe, mehr in der Touristenwahrnehmung. Und da hat Gent von allen Dreien noch am meisten von Normalität. Eine junge Universitätsstadt, in der auch noch gelebt wird und nicht nur Touristen oder im Tourismus beschäftigte Menschen auf den Straßen unterwegs sind.

Bildquelle: Genter Kastell

Gent hat bei spanischen Touristen einen hohen Stellenwert, durch die Tatsache ausgelöst, dass es die Geburtsstadt Kaiser Karls V. ist. Aber sonst verteilt es sich ganz gut mit den Touristen. In Gent gibt es in einem säkularisierten Klostergebäude, dem Caermersklooster ein Ausstellungsgebäude, dass immer wieder interessante Ausstelllungsproduktionen zeigt. Hier ist viel Inhalt, der mit Atmosphäre gepaart ist zu finden. Licht, Geräusch und sogar Gefühl, wenn man plötzlich auf weichen Teppich einen großbürgerlichen Raum betritt ist mit inszeniert.
Aber erstmal von Anfang an. Gent war der letzte Besuchspunkt der Presse und Bloggerreise durch Belgien. Auch hier ist die Besuchszurückhaltung der Touristen was Belgien anbetrifft zu spüren. Aber nicht so stark wie es Brüssel getroffen hat. Die Stadt Gent, mit dem Wasser und der alten Architektur ist eine junge Universitätsstadt und die Stadt des Genter Altars, und daher kommt man an dem berühmten Altar von Jan van Eyck aus dem 15. Jahrhundert nicht vorbei. Aber man kann sich auch mit dem Altar, seinem Aufbau und der Geschichte, der zum Teil „abgefahren“ wirkenden Bebilderung beschäftigen, ohne die St. Bravo- Kathedrale im Zentrum der Stadt zu besuchen.

Bildquelle: Kopie des Genter Altars im Caermersklooster, Gent

Und dazu geht man Richtung Burg von Gent, dem alten Kastell der Grafen von Gent und biegt nach wenigen Metern in die Vrouwebroersstraat 6 ab.
Dort in dem ehemaligen Karmeliterkloster ist eine Ausstellungsmöglichkeit geschaffen worden, die erstmal sehr sehenswert ist, die die Restaurierung und die Zugänglichmachung des Genter Altares dokumentiert und die Wechselausstellungen zeigt.

Bildquelle: Caermersklooster in der Vrouwebroersstraat 6 von Außen

Was den Genter Altar betrifft, der wird hier mit allen Facetten vorgestellt: Wie wurde er gemalt, gebaut und gedacht, Wie wurde er restauriert? Welche Technik kommt zu Einsatz? Was bedeutet das Lamm Gottes? Und das alles sehr fundiert aber auch fast Hautnah. Anders als es in der Kathedrale überhaupt möglich wäre.
Und dann ist jetzt noch bis zum 06.08.2017 die Ausstellung „Ur – Die Wurzeln Flanderns“ zu sehen. Was damit gemeint ist, ist eine Ausstellung, die mit der industriellen Revolution einsetzt und die Veränderung Flanderns vom Agrarland zur Industrie- und Stadtregion im heutigen Belgien geführt hat. Die gezeigte Malerei wird nicht einfach präsentiert. Es werden Räume geschaffen, die die Salonkultur der reichen Bürger zeigt, die Sehnsucht nach der Natur, die in den Industriestädten immer mehr verdrängt wird, die künstlerischen Antworten auf die neue Zeit des 20. Jahrhunderts.
Dabei kommt ein Künstler mit seinen Figuren, die in Deutschland durch den Brunnen im Folkwangmuseum bekannt ist George Minne ins Blickfeld.

Bildquelle: Impressionen aus der Ausstellung im Minne-Bereich

Dieser und die Großmeister Ensor, Spilliaert, aber auch Wouters und einige mehr lohnen den Besuch. Für den Belgier, der durch die Regionen und seine Antagonismen geprägt ist, ist vielleicht vieles bekannt, aber auch die anderen Besucher aus Europa, die in der Schau auch ihre zeitaktuellen Fragen berührt finden, werden einen Gewinn für sich daraus ziehen. Weitere Künstler: Emile Claus, Gustave Van de Woestyne, George Minne und Valerius De Saedeleer.

Ausstellungsimpression der Ausstellung Ur

Das so aufwendige Inszenierungen möglich sind, liegt auch an einem der größten Leihgeber der Phoebus Foundation, die unermütlich Kunst sammelt und überall auf der Welt vertreten ist. In Gent hatte die Stiftung erst die üppige Ausstellung „Für Gott und das liebe Geld“ ausgestattet.

Christliches Abendland, Kolonialmacht, Kriegsschauplatz, Industrielle Revolution, Gesellschaftsspaltung, hier sind einige der Fragen, die in Europa zur Zeit so aktuell sind, wie lange nicht. Und wer sich fragt was soll Europa, der sollte im Zentrum von Gent mal in eines der tollen Lokale gehen, dort tolle Fischgerichte geniesen, leckeres Bier trinken und auf die Menschen achten. Die Belgier sind trotz der schwierigen Zeiten entspannt und weltoffen. Nicht hektisch und meist nicht fremdenfeindlich, da sie oft die Erfahrung von „Fremd sein“ durch Reisen in die Welt gemacht haben.

Was bleibt als Eindruck der Reise: Belgien ist zwar klein und man kann schnell durchfahren. Die vielen Sprachen sind etwas unpraktisch, und auch wenn man französisch oder flämisch spricht, kann das je nach Ort Probleme bringen, aber es ist viel Engagement im Land vorhanden doch miteinander klar zu kommen. Man ist fremd und daher ist das Bewusstsein, man kann friedlich und gedeihlich nur mit den anderen leben vielleicht doch ganz wichtig. Schnell sind Zerstörung und Krieg vom Zaun gebrochen, aber einen Frieden zu erhalten ist wirklich die Königsdisziplin. Hier sind alle gefragt. Danke Belgien und danke an alle die dabei waren und die Reise möglich gemacht haben. Belgien ist eine Reise wert.
@Benedeluxe, @KMSKB, @BOZAR, @MUZEE,@Caermersklooster und dem @Thalys, vielen Dank.




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