KUNSTFREUNDE das Blog über Kunst, Künstler und Ausstellungen

Di November 3rd, 2009

Westfälischer Kunstverein – unbehaust und flüchtige Zeiten und Symposium WO, WENN NICHT JETZT?

Die aktuelle politische bzw. finanzielle Krise der Welt im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen hat für die Kultur und Kunst im Land vermutlich noch dramatische Folgen. Soweit so allgemein. Landauf, landab wird ja jetzt wieder mit dem Angstgeschwür “Haushaltsdefizit” und “Streichkonzert” virtuos agiert und die sog. freie Spitze oder die freiwilligen Ausgaben als das “Überflüssige” und die “Streichmasse” in allen kommunalen Haushalten hergebetet. Auch wenn die Zuschüsse zum Teil lächerliche Summen sind, im Vergleich zu Nahverkehr, Bauunterhaltung, Subventionen, Straßenbau etc. Land, Bund und Kommunen spielen sich die Bälle wieder zu und außer Bildung scheint ja alles andere egal zu sein

Interessant sind dann die Institutionen bzw. die Entwicklungen die vor der Krise bereits in die Krise geraten sind. Was macht ein Haus, z.B. wie der Westfälische Kunstverein in Münster, wenn ihm der eigene Ausstellungsraum komplett genommen wird. Wegen Neubau und erstmal Abriss des alten Gebäudes. (Hier zur Erklärung die Beschreibung vom Westfälischen Kunstverein zur eigenen Situation:  Zitat: “Die Bausubstanz des 1972 fertig gestellten Landesmuseums – in dem der Westfälische Kunstverein damals seinen eigenen Ausstellungsraum bezog – wurde aus politischer Perspektive kürzlich für überholt bewertet und die Umsetzung eines Neubaus entschieden. Bis zum Wiedereinzug in das neue Gebäude wird der Kunstverein für mindestens vier Jahre ohne festen Ausstellungsraum auskommen müssen. Aus dieser „Krise” entstand die bewusste Entscheidung, das Ausstellungsprogramm auch ohne festen Raum kontinuierlich weiterzuführen. Ausgehend von der Behauptung, dass sich die Substanz der in den 1970er Jahren eingeschlagenen Programmrichtung nicht überholt hat, sonder vielmehr Anlass zur reflektierten Auseinandersetzung mit den heutigen Strukturen gibt, wird die Frage gestellt, welches Potenzial zukünftig aus den nomadischen Verhältnissen für das Programm geschöpft werden kann.”

Die Lösung ist einmal ein Nomadendasein in der Metropole des Münsterlandes und zum Anderen ein Symposium zum Thema “Wo, wenn nicht jetzt?”, dass sich am 31.10.09 mit neuen Formen der Kunst und Kultur und den flüchtigen soll heißen kurzfristigen Behausungen unter denen Künstlerinnen und Künstler arbeiten, aber auch Kunst gezeigt wird. Als Teilnehmer des Symposiums wurden unterschiedlichste Akteurinnen und Akteure im Kunstbetrieb gewonnen. Die selbstständige Kuratorin Carla Orthen beschrieb sehr anschaulich, die Freiheit des Kunstzeigens und den bewussten schwebenden Zustand, aber auch materielle Beschränktheit, die nicht gewollt, aber als temporärer Zustand diese Freiheit begleiten kann. Markus Lohmann beschrieb für den Skulpturenpark Berlin seine räumlichen Möglichkeiten und die Nutzung der Förderstrukturen. Sebastian Rathert stellte das Projekt Komm in die Gänge vor, dass hier auch schon häufiger Thema war und Dorothee Richter vom HGKZ Zürich schilderte die wissenschaftliche Seite von Kunst in flüchtigen Zeiten. Im Publikum waren Künstlerinnen und Künstlerzusammenschlüsse aus Düsseldorf und Köln sowie jede Menge interessiertes Publikum aus “Betroffenen” und “Sympathisanten”.

 Die meist wirklich guten Beiträge wurden durch interessante Gespräche von und mit dem Publikum zu einer runden Sache, die zeigte, dass unbehaust sein schon Chancen bietet und festgefahrene Strukturen aufbrechen kann. Allerdings ist das oft weniger eine Frage der wirklichen Akteure als auch der daraus erwachsenen Strukturen, die je nach umgebender politischer Struktur auch einen Hang zur Erstarrung haben können. Jedenfalls ist das Setzen auf nur eine Richtung “nur von unten” der “nur auf die Institution” wenig konstruktiv und für den Einzelnen und die Einzelne wenig funktionabel. Netzpräsenz, Vernetzung und Dialogbereitschaft untereinander, sowie Tipps bei der Formulierung von Antragslyrik etc. können raumübergreifend finanziell und lobbymäßig viel bewegen

Noch bis zum 15. November 2009 zeigt der Westfälische Kunstverein dann auch noch flankierend zu seinem gleichnamigen Vortragsprogramm die Ausstellung “Flüchtige Zeiten”. Die hierbei war, die Frage, was es heute bedeutet im Bereich der Kultur unter stabilen Verhältnissen zu arbeiten? Kultur scheint seit jeher ein Garant für einen gesellschaftlichen Mehrwert zu sein. Wie steht es also um die Kultur und im Besonderen um die zeitgenössische Kunst in Zeiten, die in sehr kurzfristigen Spannen agieren und denken, in Zeiten, in denen es um Geschwindigkeit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit geht? Bestimmt der Wandel der Gesellschaftsordnung die Paradigma der Kunst, oder hat sich die Kunst die Paradigma der Flüchtigkeit schon längst selbst verinnerlicht?

Vor diesem gedanklichen Hintergrund bewegt sich die internationale Gruppenausstellung „Flüchtige Zeiten” und zeigt mit den Veranstaltungen drumrum, dass die Krise auch Chancen bietet, die durchaus genutzt werden könnten.

Nächster und letzter Termin der Reihe ist am 11. November 2009. Dann referieren Catrin Lorch, freie Kunstkritikerin  und Axel John Wieder, Künstlerhaus Stuttgart in der Hüfferstr. 20 bei Freihaus in Münster in der Nähe des Schlosses.




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