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Di Februar 10th, 2015

Louise Bourgeois Struktur des Daseins in München

Im Laufe ihrer langen künstlerischen Laufbahn hat Louise Bourgeois (1911-2010) Ideen und formale Neuerungen entwickelt, die später zu Schlüsselpositionen in der zeitgenössischen Kunst wurden: unter anderem das Environment, Formate des Theaters sowie die Beschäftigung mit Psychoanalyse und Feminismus.

Das Haus der Kunst in München widmet ihr nun eine Schau die den Zellen nachspürt: Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen, läuft vom 27. Februar bis zum 2. August 2015
Zu den innovativsten und anspruchsvollsten skulpturalen Arbeiten innerhalb ihres umfangreichen Œuvres gehören die Cells [Zellen], eine Serie von architektonischen Räumen, die ein ganzes Spektrum von Gefühlen eröffnen. Dieser Werkkomplex entstand in einem Zeitraum von über zwanzig Jahren. Jede Zelle ist wie ein eigener Mikrokosmos: ein Gehäuse, das die Innenwelt von der Außenwelt trennt. In diesen einzigartigen Räumen komponiert die Künstlerin mit gefundenen Gegenständen, Kleidungsstücken oder Stoffen, Mobiliar und markanten Skulpturen eine theaterähnliche Szenerie, die emotional stark aufgeladen ist.

„Raum existiert gar nicht, er ist nur eine Metapher für die Strukturen unseres Daseins.“ Louise Bourgeois

Groß, krass und anrührend in einer schmerzhaften Form. Wenn sie noch einen Motor dran gebaut hätte wäre es vielleicht schon eher zu dem Durchbruch in der Kunst gekommen, den sie als alte Dame dann erlebte. Diese Schau ist nichts für schwache Nerven.

1991 waren in der Carnegie International in Pittsburgh erstmalig die Cells I bis VI zu sehen. Seitdem waren sie nie wieder vereint zu sehen, sie sind es jedoch nun im Haus der Kunst. Die Bezeichnung ‚Zelle‘ entstand während der Vorbereitungen für diese Carnegie-Ausstellung. Der Begriff besaß für die Künstlerin viele Konnotationen, die von der biologischen Zelle eines lebenden Organismus bis zur Isolation einer Gefängnis- oder Klosterzelle reichten. Drei Jahre später, 1994, entstand die erste Spinnenskulptur. Louise Bourgeois war damals bereits über 80 Jahre alt, und doch veränderte sie ihre Arbeitsweise noch einmal entscheidend. Die Künstlerin schuf nun einige ihrer größten Werke, was auch damit zusammenhing, dass sie erst seit 1980 zum ersten Mal ein eigenes und großräumiges Atelier besaß. Bis dahin hatte sie in einem Reihenhaus in Chelsea gearbeitet, das kaum breiter als vier Meter war und oft auch die Abmessungen ihrer Skulpturen bestimmte. Mit dem eigenen Atelier in Brooklyn war der Weg für Werke in größerem Maßstab geebnet.

Das Atelier in Brooklyn versorgte Louise Bourgeois auch mit einer Menge an neuem Rohmaterial. Gegenstände aus der Umgebung des großen Brooklyn Studio sowie aus dem Leben der Künstlerin sind in die Zellen integriert: Stahlregale aus einer Näherei (Articulated Lair, 1986), ein Wassertank vom Dach (Precious Liquids, 1992), und als sie 2005 eben dieses Atelier in Brooklyn räumen musste, behielt sie dessen Wendeltreppe und baute sie in eine ihrer letzten Zellen ein (Cell (The Last Climb), 2008).

Die gesamte Serie der Zellen kreist um den Wunsch, zu erinnern und gleichzeitig vergessen zu wollen. „Du musst deine Geschichte erzählen und sie dann vergessen. Vergessen und vergeben. Das befreit dich“, hatte Louise Bourgeois einmal gesagt. Schon ihre Mitte der 1940er- bis Mitte der 1950er-Jahre entstandenen Skulpturen hatte sie als den Versuch bezeichnet, all die Menschen, die sie vermisse, zusammenzurufen. Mit den „Personage Skulpturen“ schuf Louise Bourgeois ihre erste, einem Environment ähnelnde Installation. Sorgfältig im Raum arrangiert, stehen sie aufrecht und direkt auf dem Boden, so dass der Betrachter zwischen ihnen umhergehen kann. In diesem Sinn können die „Personage Skulpturen“ wie eine Art Familienaufstellung betrachtet werden, bei der das Wachrufen der Vergangenheit als Exorzismus fungiert. Auch in den Zellen gibt es Hinweise auf einzelne Personen und Erlebnisse. So nehmen die Nadeln, Fäden und Spindeln, die in die Zellen integriert sind, Bezug auf die Kindheit der Künstlerin sowie auf die Arbeit ihrer Eltern – die Mutter restaurierte kostbare Tapisserien. Die Zellen erzählen auch von Verlassenheit, Verrat und Verlust. Der familiäre Zusammenhalt im Hause Bourgeois war großen Belastungen ausgesetzt, denn der Vater hinterging die Mutter mit dem Au pair Sadie, die fast zehn Jahre lang im Haus wohnte. Wie in einem Spiel mit vertauschten Rollen pflegte Louise ihre Mutter, die an einer schweren Influenza erkrankt war. Als die Mutter anfing Blut zu husten, ließ sie sich von Louise dabei helfen, die Krankheit vor dem Vater zu verbergen. Früh wurde Louise in ein Geflecht von widersprüchlichen Gefühlen – wie Bewunderung und Solidarität, Wut und Ohnmacht – verstrickt.

Die Künstlerin selbst hat den Zusammenhang zwischen ihrem Werk und der Verarbeitung persönlicher Traumata hergestellt. 1982 verfasste sie für die Zeitschrift Artforum einen bebilderten autobiografischen Text über ihre traumatischen Kindheitserfahrungen. Zeitgleich ehrte das Museum of Modern Art in New York die damals siebzigjährige Künstlerin mit einer Retrospektive – der ersten in der Geschichte des Museums, die einer Frau gewidmet wurde.

Als neue skulpturale Kategorie haben die Zellen „ihren Platz irgendwo zwischen musealem Panorama, Theater-Inszenierung, Environment oder Installation und skulpturalem Gesamtwerk, das in dieser Form und Quantität in der Kunstgeschichte ohne Beispiel ist.“ (Julienne Lorz) Das Haus der Kunst freut sich, einen so ungewöhnlichen Werkkomplex zeigen zu können.

Die Ausstellung wird vom Haus der Kunst organisiert und von Julienne Lorz kuratiert.




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