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Do September 3rd, 2009

Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit Ausstellung im Schirn Frankfurt 24.09.09

Das China in diesem Jahr Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse ist, scheint beflügelnd für einige große Ausstellungshäuser zu wirken. Nach der Kunsthalle Bielefeld, die mit Fang Lijun just erst eine Ausstellung eines chinesischen Künstlers eröffnet hat, kommt jetzt die Frankfurter Schirn mit der Ausstellung Kunst für Millionen 100 Skulpturen der Mao-Zeit.

Vom 24. September 2009 bis zum 3. Januar 2010 zeigt die Schirn erstmals im Westen überhaupt die spektakuläre chinesische Skulpturengruppe Hof für die Pachteinnahme (chin.: Shouzuyuan). Das aus über 100 lebensgroßen Figuren bestehende Ensemble zählt zu den wichtigsten Werken der modernen chinesischen Kunst und ist fest im kollektiven Gedächtnis Chinas verankert.

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Bildquelle: Kunsthalle Schirn, Szenen aus  HOF FÜR DIE PACHTEINNAHME, 1974–1978 (ORIGINAL 1965)

1965 von Lehrern und Absolventen der Kunstakademie Sichuan als ortsspezifische Installation in Dayi geschaffen, wurde die Figurengruppe bald zu einem Musterkunstwerk der ab 1966 eingeleiteten Kulturrevolution erklärt. Von mehreren Varianten, die in den darauf folgenden Jahren angefertigt und überall im Land ausgestellt wurden, ist eine einzige bis heute erhalten geblieben.

Sie wurde 1974–1978 mit hohem Aufwand als mobile Reisefassung aus verkupfertem Fiberglas realisiert und befindet sich im Kunstmuseum der Kunstakademie Sichuan in der zentralchinesischen Stadt Chongqing. In einer dramatischen Szenenfolge, die traditionelle chinesische, sowjetische und westliche Stilelemente zusammenführt, stellt das Figurenensemble die erbarmungslose Ausbeutung der Landbevölkerung durch einen reichen Grundbesitzer der vorkommunistischen Ära dar. Mit dem Ende der Kulturrevolution weitgehend in Vergessenheit geraten, wurde das Werk in den letzten Jahren wiederholt von jungen chinesischen Künstlern aufgegriffen und fand Eingang in die aktuellen Diskussionen zur zeitgenössischen Kunst in China.

Das Originalensembel Der Hof für die Pachteinnahme besteht aus insgesamt 114 lebensgroßen Trockenlehmskulpturen. Es entstand 1965 als ortsspezifische Installation in dem zur Gedenkstätte umgewandelten ehemaligen Anwesen des berüchtigten Feudalherrn Liu Wencai (1881–1949) im Landkreis Dayi in der chinesischen Provinz Sichuan.

In Zusammenarbeit mit lokalen Volkskünstlern entwickelte die Arbeitsgruppe innerhalb von wenigen Monaten eine monumentale narrative Komposition. Sie schildert in sieben, zum Teil auf überlieferte Ereignisse zurückgehenden Szenen wie Den Pachtzins abliefern, Zuviel verlangt und Flammen des Zorns die Situation der Landbevölkerung zur Zeit der chinesischen Republik (1911–1949). Müde, geschundene Bauern schleppen Säcke voller Getreide heran oder flehen verzweifelt um eine Stundung ihrer Pacht, die zu zahlen sie nicht in der Lage sind, während die betrügerischen Handlanger des Grundbesitzers auf brutale Weise die Pacht eintreiben, Familien auseinanderreißen und Einzelne hinter Gitter sperren. Die Darstellung endet mit dem wütenden Aufbegehren der Bauern als Hinweis auf ihre Bereitschaft zum Klassenkampf.

Wie die gesamte Kunstproduktion des neuen kommunistischen Chinas stand das Projekt unter dem eindeutigen Primat des Politischen. Eine theoretische Grundlage bildeten dabei Mao Zedongs „Reden bei der Aussprache in Yan’an über Literatur und Kunst” von 1942. Darin hatte er seine Konzeption einer revolutionären chinesischen Kunst für das Volk formuliert. Unter Berufung auf die marxistische Kunsttheorie forderte Mao eine politisch orientierte Kunst im Dienste der Volksmassen, deren Aufgabe es sei, die Errungenschaften der proletarischen Klasse abzubilden und zu rühmen. Um diese Ansprüche erfüllen zu können, sollten Künstler mit Arbeitern, Bauern und Soldaten leben und von ihnen lernen. Die „Reden” galten 1965 nach wie vor als richtungsweisend.

Innerhalb eines klar definierten ideologischen Rahmens entstanden, stellt der Hof für die Pachteinnahme in der Geschichte der chinesischen Kunst allerdings ein Novum dar: Die Skulpturengruppe führt unterschiedliche künstlerische Traditionslinien auf beispiellose Weise zusammen. Stilelemente der klassischen und sozialrealistischen europäischen Bildhauerei verbinden sich mit der Formensprache des sowjetisch geprägten sozialistischen Realismus’. Darüber hinaus besann man sich an der Akademie in Chongqing zu jener Zeit auf eine besondere Form der chinesischen Skulpturtradition: die buddhistische Steinbildhauerei im Höhlentempel von Dazu aus der Zeit der Song-Dynastie (960–1279). Ebenso maßgeblich war ein intensiver Austausch der Künstler mit der lokalen Landbevölkerung, die nicht nur als authentische Quelle und Studienobjekt, sondern auch als kritisches Korrektiv in den Entstehungsprozess involviert war.

Die Ausstellung „Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit” richtet das Augenmerk auf eine Periode der chinesischen Kunst, die innerhalb wie auch außerhalb Chinas bislang kaum kritisch aufgearbeitet worden ist. Die visuelle Kultur der Mao-Zeit – und insbesondere die Periode der chinesischen Kulturrevolution – ist aber nicht nur für die Entwicklung der chinesischen Kultur im 20. Jahrhundert, sondern auch für das Verständnis der zeitgenössischen chinesischen Kunst in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. In diesem Sinne möchte die Ausstellung anhand eines herausragenden Werks – und dessen bewegter und bewegender Geschichte von 1965 bis heute – die Diskussion eröffnen und einen Beitrag zur Erforschung dieser weitgehend unbekannten Zeit leisten.

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