KUNSTFREUNDE das Blog über Kunst, Künstler und Ausstellungen

Di Juli 7th, 2015

Europäische Geister – 2.Teil

Fortsetzung des Artikels: Belgien packt sein koloniales Erbe an – „Europäische Geister“ Ausstellung in Oostende


Kultur, Stammestradition, portugisische Eroberungen etc. spielten keine Rolle. Afrika war die lebendige Steinzeit und die Menschen keine Menschen sondern fast noch Tiere. Soweit so gut.

In dieser Erzählebene geht es um die reine Geschichte. Die zweite Erzählebene ist die der Rezeption über vor Ort entstandenen Bildern, schonungslos in beide Richtungen Opfer und Täter. Als Reproduktionen wie am Anfang im 19. Jahrhundert jetzt in der Ausstellung von den Originalen abgenommen. Und dann kommen die Artefakte. Sehr bekannte Masken und Idole die zu den bekanntesten der großen Sammlung in Tervuren gehören. Als Objekte haben sie ganz oft seit ihrem Kauf oder Raub viele Assistenzelemente verloren, da diese dem Sammelinteresse des „Sammlers“oft nicht anhingen.( Dank an das RMCA Afrika Museum Tervuren, das diese wunderbaren Stücke für die Ausstellung ausgeliehen hat.)

ostende5

Bildquelle: Ausstellungsimpression „Europäische Geister“, Muzee Oostende

Daher ist die Exotik der Stücke, die Wirkung die bis heute funktioniert, auch in dieser Ausstellung zu erleben. Die Stücke fesseln den Besucher. Ihr ehemaliger Inhalt oder der Zweck ist es nicht, der bleibt vielfach verborgen. Damit wollen die Ausstellungsmacher auf die Geschichte der Objekte hinweisen und wie wenig wir darüber wissen. Hier kann der gewünschte Transfer lauten „Wie würde z.B. eine Kolonialmacht mit unseren religiösen oder weltlichen Machtzeichen umgehen? Einem Kurzifix ohne Holz, einem Zepter ohne Griff, einem Zerimonialdegen ohne Scheide,….“ Der Betrachter würde sich nur an dem Kostbaren oder Fremden in der Gestaltung des Objektes im Vergleich zu seiner Kultur berauschen.

Eine weitere Ebene wird mit der Rezeption durch Plakate und Ausstellungshinweise in denen Objekte aber auch afrikanische Menschen dargestellt sind betreten. Voyeurismus, Erotik, „Wildheit“ gegenüber „Erziehung“ und „Triebverzicht“.

Eine weitere Ebene betritt die Kunst und die eingeladenen Künstler, die mit den Genesen der Objekte aber auch mit der Situtation heute spielen:

Das afrikanische Objekt billigst gekauft oder geraubt unter schlechten Bedingungen nach Europa geschafft, wird Museumsgut mit einem Idenditiätsausweis und daher etwas wertvoller. Der Zusammenhang ist egal, da zerstört und vielleicht sogar durch Unkenntnis die wichtigsten Teile des ursprünglichen Rituals die „wertvollen“ im afrikanisch-stammesgeschichtlichen-liturgischen verloren. Interessant wird es durch die Menge die der Sammler zusammengetragen hat. Dadurch wird das Objekt vielleicht für den Afrikaner wertlos, da inhaltslos. Das ist hier aber egal.

ostende4

Bildquelle: Sequenz der Ausstellungsarbeit vom Künstler Sammy Baloji (DRC)

Die unüberblickbare Menge in einem seit 1910 großen, repräsentativen Museum unterstreicht den imperialen Anspruch der Kolonialherren und ist über jeden Zweifel erhaben. Auch deshalb ist die Menge, die aus dem riesigen Land geschafft wird wichtig. Nicht klein, klein, nein groß, größer am Größten,…

Tervuren8

Bildquelle: Magazinvitrine RMAC, Tervuren

Das Objekt wird ein Schaustück in einem Museum, das durch die Geschichte zu einem identitätsstiftenden Ort wird. Jeder Belgier, jede Belgierin ist mal da gewesen. Die Werte der Objekte steigen. Die Gründe sind auch hierfür vielfältig:

Tervuren5

Bildquelle: Prunkstücke aus der Sammlung des RMAC, Tervuren zur Zeit im Magazin des Museums

Tervuren4

Bildquelle: Prunkstücke aus der Sammlung des RMAC, Tervuren zur Zeit im Magazin des Museums

Einmal ist kein Nachschub mehr da, da die Stämme die Produktion oft kurz nach der Sammlung aufgegeben haben, oder die Kultur der Dörfer zerstört wurde, usw. das Interesse aber steigt. In europäischen Sammlerkreisen, in Museumskreisen durch die bessere Kenntnis durch Forschung und Wissenschaft und durch Afrika selber, da die eigenen Traditionen durch die Dekolonialisierung ins Blickfeld rücken können.

Dadurch wird die Wertschätzung immer höher, jetzt werden die Objekte klimatisiert aufbewahrt und mit weißen Handschuhen angefasst.

Und den Schlusspunkt dieser Kette bilden die aktuellen Fotoarbeiten von Sammy Baloji, der die Objekte in einem Setting eines fiktiven „Afrika-Raumes“ neu fotografiert. Palme, weiß-schwarzes Tuch, das Objekt und die weißen oder schwarzen Hände des Künstlers, der Kuratoren in weißen oder lilafarbenen Handschuhen. Der aus dem Kongo stammende Künstler wird der Regisseur der Szene und alle anderen Objekte, Settings, Menschen werden Teil der skurrilen und eigentlich unspektakulären Situation die in der Fotoarbeit im Museum festgehalten wird. Verhältnisse werden transformiert, dass einem schwindlig werden kann.

Die Deutung ist eine Deutung ist eine Deutung, möchte man in Anlehung an die Kunst eines anderen Belgiers meinen.

Man kann auf den Katalog und die Ausstellungsrezeption gespannt sein, da viele der angesprochenen Ebenen nur angerissen werden. Man kann sie sehen, man kann es auch lassen. Sicher ist, diese Objekte und die Zeit zwischen 1885 und 1960 sind von ihrer Wirkung heute noch aktuell und nicht geklärt. Auch die Frage wie die klassische Moderne diese Erweiterung ihrer Kunst durch außereuropäische Objekte wirklich gesehen hat. Aus der kolonialen Brille der Herren, die die Freude an der Exotik teilten oder doch auch dekolonial, die Interesse an den Inhalten und den Menschen dahinter hatten.

Die Ausstellung „Europäische Geister“ in Oostende, lädt ein den Geistern, die allgemein in den Figuren und Fetischen Afrikas vermutet werden nachzuspüren. Sie ist aber auch ein Versuch, den Geistern, die die Kolonialzeit geweckt hat, mit ihren ideologischen und menschlichen Verstrickungen zu lösen und die karmischen Verstrickungen zu erkennen, die bis heute z.B. in den Zuständen und Machtfragen in Afrika wirken. Hier ist nichts einfach, aber die Bewältigung sicher eine wichtige Zukunftsfrage für und in Europa.

Den eigenen Empfindungen geben die Macher in dem kleinen zur Ausstellung erschienenen Booklet viel Raum. Vielleicht können diese auch im Museum verbleiben und so die „Dekolonialisierung im Kopf“ weiter voran bringen. Vielleicht eine uninteressante Ausstellung die wenig ästhetische-reißerische Effekte hat, vielleicht aber auch eine kluge-ruhige Ausstellung die viel anreißt, was noch längst nicht geklärt ist.

Ende des Artikels: Belgien packt sein koloniales Erbe an- „Europäische Geister“ Ausstellung in Oostende, Die Ausstellung läuft noch bis zum 3.1.2016 im Muzee Oostende

 




2 Kommentare to “Europäische Geister – 2.Teil”

Belgien packt sein koloniales Erbe an – Europäische Geister im Muszee Oostende | kunstfreunde sagte:

[…] Weiter im 2. Teil: Artikel „Europäische Geister“ 2. Teil […]

Di 7. Juli 2015 at 20:58

Ausstellung Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit | kunstfreunde sagte:

[…] Museum“ der Kulturstiftung des Bundes an der Kunsthalle Bremen. Die Kunsthalle Bremen ist in Deutschland das erste Kunstmuseum und in Europa nach der Tate Britain und dem belgischen Muzee in Os…, das seine Sammlung auf Kolonialgeschichte untersucht. Die Forschungsergebnisse werden in der […]

Do 6. Juli 2017 at 12:24

Hinterlassen Sie eine Nachricht

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>