KUNSTFREUNDE das Blog über Kunst, Künstler und Ausstellungen

Di Juli 7th, 2015

Belgien und sein koloniales Erbe – 1. Teil

Das moderne Belgien ist für den europäischen Betrachter ein kleines, verschlafenes BeNeLux-Land mit putziger, zusammengewürfelter Architektur, leckerer Küche, verbauten Küstenlinien und entspannten Menschen. Die Diskussion um den Jahrestag von der Schlacht bei Waterloo weist auf die historische Vergangenheit; etwas 1. Weltkrieg, etwas 2. Weltkrieg und Brüssel als Hauptstadt der EU. Das ist es dann.

Das Belgien eine höchst erfolgreiche und brutale Kolonialmacht von 1885 bis 1960 im zentralen Afrika war, ist für Außenstehende kaum noch ein Begriff. Anders wird es, wenn man wahrnimmt, dass in mehreren bekannten belgischen Museen wie dem MAS Antwerpen, dem Autoworld Brüssel und dem Muzee in Oostende Leihgaben ersten Ranges des Afrika Museums zu sehen sind. Das königliche Afrikamuseum befindet sich im Umbau und kann daher Leihgaben in großem Umfang geben. Den deutschen Besuchern sind die großen Afrika Ausstellungen in Bonn oder New York von Kuratoren aus dem Afrika Museum Tervuren erarbeitet und ausgeliehen wurden, vielleicht ein Begriff.
Darüber hinaus gibt es in Belgien selber eine lebendige Szene an zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika und Europa die für sich das gemeinsame koloniale Erbe als Thema gefunden haben und daran arbeiten.

LeopoldI Bildquelle: König Leopold II. Denkmal Promenade Oostende

Wie wenig harmlos die Geschichte hinter diesen Ausstellungen ist und die Vergangenheit wirklich vergangen ist, zeigt ein Denkmal in Oostende. Das Denkmal zeigt den König Leopold II. hoch zu Ross zu seinen Füssen wurde etwas  verändert. Eigentlich zeigt es einen gütigen Landesvater, gewidmet von der dankbaren Stadt Oostende für die erhaltenen Wohltaten des Monarchs  der in Oostende ein „Sommerhaus“ besaß.

 

LeopoldIIBildquelle: Detail des Leopold II. Denkmals mit fehlendem Unterarm

An dem Sockel sind die dankbaren Fischer der Stadt die dem König huldigen dargestellt und auf der anderen Seite die dankbaren Bewohner des Kongo, die dem König glücklich huldigen, da er sie von arabischer Unterdrückung befreit und ihnen die Zivilisation gebracht hat. Einer Afrikanerfigur ist der rechte Unterarm mit Hand abgetrennt und gestohlen worden. Dieser Schaden wurde bis heute mit Absicht nicht behoben und steht als Kommentar im Raum.
Gemeint ist die brutale Herrschaft Leopolds II. und später des belgischen Staates über Zentralafrika, (ungefähr 60x größer als Belgien), die in nicht mal 100 Jahren zum Verlust von 1/3 bis 1/2 der Bevölkerung in diesem Gebiet führte. Durch brutale Gewalt der Kolonialherren, durch Ausbeutung, eingeschleppte Seuchen, Nahrungsmittelkrisen, Kriege und Bestrafungsaktionen. Beliebt waren die drakonischen Strafen wie Hand- und Fussabschlagen und Auspeitschen. Tausende von zeitgenössischen Fotos belegen diese Praxis, gesammelt u.a. im Afrika Museum Tervuren.
Durch den abgetrennten Unterarm und die fehlende Hand, wird die Huldigung zur Farce und legt die Wunden offen, die die Kolonialzeit bis heute geschaffen hat.
Eine Diskussion um die Bewertung der Zeit, eine Veränderung in der Haltung und einen Dialog mit Zeitgenossen aus dem ehemaligen Kolonialgebiet ist nicht mehr nur in kleinen intellektuellen Zirkeln an der Tagesordnung, auch Museen greifen diese Themen auf. Koloniales Erbe, das die Sicht auf die Welt bis heute geprägt hat steht zur Diskussion und vielleicht ist die Diskussion auch ein Schlüssel für Lösungen zu einer globalen und friedlichen Zukunft in der Welt.

Gestartet in diese Auseinandersetztung sind die Belgischen Museen jetzt. Einmal das große Afrika Museum Tervuren, in dem es nicht nur eine Erweiterung erfährt, sondern die ganze Ausstellungskonzeption komplett verändert wird und das Muzee in Oostende mit seiner jetzt gestarteten Ausstellung „Europäische Geister“. Dazu mehr in diesem kleinen Belgienspezial.




2 Kommentare to “Belgien und sein koloniales Erbe – 1. Teil”

Belgien packt sein koloniales Erbe an – in zeitgenössicher Kunst und im Museum 2.Teil | kunstfreunde sagte:

[…] Das darüber hinaus dort in Tervuren auch noch jede Menge Forschungsarbeit geleistet wird, viele Fachdisziplinen als Ausbildungs- und Weiterbildungsort für Fachleuten betrieben wird und auch in Sachen Geologie und Naturkunde geforscht wird, ist mehr als der unbedarfte Betrachter erwarten würde. Ein Megamuseum idyllisch in einem wunderbaren Parkt in der Nähe von Brüssel gelegen, das jeder Belgier, zumindest von seinen Schulausflügen kennt, auch wenn die Restwelt es vielleicht nicht wahrgenommen hat. Viele Gegensätze, viele scheinbare Kontraste. Und das Gefühl, dass es so nicht mehr weiter gehen, das da ein Schatz ist, der neu betrachtet werden muß ist überall im Land zu erleben. Einzelen Ausstellungen versuchen sich den Themenkomplexen zu nähern und werfen Fragen auf, die weit über ästhetisch-rituelle Fragen hinaus gehen. Überall mindestens angereichert mit der Frage, warum ist das überhaupt hier? Wer brachte es nach Belgien? Warum fehlen Teile? Bis hin zu den Themen warum ist Afrika so „durcheinander“, wer gegen wen und warum, welche Interessen werden auch heute noch auf Kosten der Bevölkerung, der Natur, des Wohlstands wie durchgesetzt? Diese Fragen ein Stück weit zu beantworten, wird an vielen Stellen versucht, davon in einem weiteren Post hier bei den Kunstfreunde-blog.de […]

Di 7. Juli 2015 at 15:48

Europäische Geister – 2.Teil | kunstfreunde sagte:

[…] Fortsetzung des Artikels: Belgien packt sein koloniales Erbe an – „Europäische Geis… […]

Mi 8. Juli 2015 at 16:34

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