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Do Juli 6th, 2017

Ausstellung Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit

In Belgien ist die Beschäftigung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit schon weiter. Aber auch in Deutschland findet langsam nicht nur wissenschaftlich, die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte statt. Als erstes deutsches Kunstmuseum startet Bremen das Projekt seine Geschichte auf die Spuren der Kolonialzeit und die Verflechtungen von Handelsgeschichte, Mäzenatentum und Sammlungsgeschichte zu befragen.
Die Kunsthalle Bremen präsentiert mit der Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ ab dem 5. August 2017 die Ergebnisse eines durch die
Kulturstiftung des Bundes gefördertes Forschungsprojekts.

Bild: Bernd Steiner, Plakat des Norddeutschen Lloyd, Schifffahrtsmuseum

Die Ausstellung soll eine kritische Schule des Sehens sein und einen Diskussionsraum eröffnen, in dem die Besucher Fragen nach dem Umgang mit dem Fremden vor dem Hintergrund der globalen Handelsgeschichte der Hansestadt Bremen und seinem kolonialem Erbe reflektieren können. Unter anderem mit Arbeiten von Fritz Behn, Paul Gauguin, Paula Modersohn-Becker
und Amrita Sher-Gil sowie von japanischen Holzschnittkünstlern und von unbekannten afrikanischen Künstlern.

Die Hansestadt Bremen war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein blühendes Zentrum des schnell wachsenden internationalen Handels. Dabei profitierte sie sowohl von kolonialer Expansion als auch von der Auswanderung von Millionen von Menschen nach Übersee. Auch im 1823 gegründeten Kunstverein in Bremen haben diese globalen Verflechtungen Spuren hinterlassen. Bis heute blieben sie jedoch größtenteils unentdeckt.
Ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Forschungs- und Ausstellungsprojekt widmet sich nun erstmals der Erforschung dieser kolonialen Bezüge. Es verknüpft die Geschichte des Kunstvereins in Bremen mit der Handelsgeschichte der Hansestadt und befragt Werke von u.a. Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde und Fritz Behn auf ihre kolonialen Zusammenhänge. Die blinden Flecke, die dabei sichtbar gemacht werden, thematisieren insbesondere die Darstellung und den Umgang mit dem Fremden in der Kunst und Werbung während der Kolonialzeit. Diese europäischen Sichtweisen in der Sammlung der Kunsthalle Bremen werden mit außereuropäischen, darunter auch zeitgenössischen Positionen der Kunst in Dialog gesetzt. Die Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ (5. August bis 19. November 2017) soll eine kritische Schule des Sehens sein und einen Diskussionsraum eröffnen, in dem die Besucher Fragen nach dem Umgang mit dem Fremden vor dem Hintergrund der globalen Handelsgeschichte der Hansestadt Bremen und seinem kolonialem Erbe reflektieren können.
„Das Ziel des Forschungsprojektes ist es kolonialen Spuren sichtbar zu machen. Es sollen historische Ordnungssysteme überdacht und außereuropäische Kunst als gleichwertig in die Analyse einbezogen werden. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, wie ‚andere‘, ‚fremde‘ Menschen dargestellt wurden und was das über uns und unser Verhältnis zu diesen ‚Anderen‘ aussagt. Denn das Fremde ist ein Konstrukt, das nur im Verhältnis zum Eigenen existiert.“ So Kultur- und Sozialwissenschaftlerin und Kuratorin der Ausstellung Julia Binter.

Seit dem 1. April 2016 forscht Julia Binter als internationaler Fellow im Rahmen des Programms „Fellowship Internationales Museum“ der Kulturstiftung des Bundes an der Kunsthalle Bremen. Die Kunsthalle Bremen ist in Deutschland das erste Kunstmuseum und in Europa nach der Tate Britain und dem belgischen Muzee in Ostende das dritte Kunstmuseum in Europa, das seine Sammlung auf Kolonialgeschichte untersucht. Die Forschungsergebnisse werden in der Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ präsentieren. Den Titel der abschließenden Ausstellung erklärt Julia Binter wie folgt:
„Der Begriff ‚blinder Fleck‘ kommt eigentlich aus der Augenheilkunde und benennt jene Stelle unseres Auges, auf der sich keine Lichtrezeptoren befinden und mit der wir somit nicht sehen können. Mein Forschungsprojekt geht den kolonialen Blindstellen in der Sammlung der Kunsthalle nach, die wir aufgrund eingefahrener Wahrnehmungsmuster und unzureichender Sensibilisierung für koloniale Themen nur schwer wahrnehmen können.“

Die Sammlung japanischer Holzschnitte der Kunsthalle Bremen
Die Kunsthalle besitzt Meisterwerke aus 300 Jahren japanischer Holzschnittkunst, der Großteil davon aus der Edo-Zeit (1603– 1868), das heißt der Zeit vor der erzwungenen Öffnung Japans durch die USA im Jahr 1853. Den Grundstock der Sammlung legte Dr. Heinrich Wiegand, Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd und Vorsitzer des Kunstvereins, als er 1905/06 eine Reise nach Japan finanzierte und freie Fahrt und Fracht auf den Dampfern des Norddeutschen Lloyd bereitstellte. Einige wenige Blätter in der Sammlung der Kunsthalle, die in der Ausstellung „Der blinde Fleck“ zum ersten Mal präsentiert werden, reflektieren die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Japan nach der Öffnung des Landes. Werke von Kawanabe Kyōsai (1831-1889) und Kobayashi Kiyochika (1847-1915) zeigen auf, wie sich japanische Künstler mit Japans neuer geopolitischer Position auseinandersetzten. Künstler der Moderne und ihre Faszination mit Kunst aus Afrika und Ozeanien
Der damalige Direktor der Kunsthalle Gustav Pauli legitimierte die Aufnahme japanischer Holzschnitte in die Sammlung mit dem „offenkundigen Einfluss, den gerade ihre Holzschnitte auf unsere Malerei des späten neunzehnten Jahrhunderts ausgeübt haben“ (Gustav Pauli). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es aber vor allem auch Plastik aus Afrika und Ozeanien, die den Künstlern in Deutschland zur Inspiration für neue Ausdrucksformen diente, wie Werke von August Macke (1887-1914), Paula Modersohn-Becker (1876– 1907), Max Pechstein (1881–1955) und Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) in der Sammlung der Kunsthalle Bremen verdeutlichen. Dabei ging es den Künstlern jedoch nicht um ein Verständnis des kulturellen Kontextes, in dem diese Plastiken entstanden waren. Auch negierten sie die Autorenschaft der Künstler dieser Werke in den Kolonien. Vielmehr diente Kunst aus Afrika und Ozeanien als Projektionsfläche für die eigenen Träume und Fantasien. Ordnen, Sammeln, Ausstellen: Der Norddeutschen Lloyd und das Übersee-Museum
Der Norddeutsche Lloyd wurde von Künstlern wie Max Pechstein und Emil Nolde (1867–1956) genutzt, um kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die deutschen Kolonien im Pazifik zu reisen. Die Schiffe transportierten darüber hinaus auch die japanischen Holzschnitte sowie Kunst aus Südamerika und Ozeanien. Letztere wurde aber nicht der Sammlung der Kunsthalle, sondern jener des Übersee-Museums (damals Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde) zugeordnet. 1922 wurde erstmals eine Auswahl an Leihgaben aus dem Übersee-Museum in der Kunsthalle gezeigt. Die Ausstellung lud ein, Kunst aus Afrika, Südamerika, Asien und dem Pazifik nicht als Ethnographica, das heißt als Beweisstücke für eine bestimmte Kultur oder Gesellschaft, sondern als eigenständige Kunstwerke unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten. Obwohl keine Leihliste überliefert ist, wagt „Der blinde Fleck“ in Kooperation mit dem Übersee-Museum eine Annäherung an diese historische Ausstellung und zeigt einige der außereuropäischen Kunstwerke nach knapp 100 Jahren wieder in der Kunsthalle.

Die Kunsthalle besitzt eine Reihe von Werken, die die Faszination und das Studium von als fremden wahrgenommenen Menschen und Kunstdurch Künstler der europäischen Moderne widerspiegeln. Vorwiegend weiße, männliche Künstler wie Georg Kolbe (1877-1947), Ludwig Kirchner (1880-1938) und Paul Gauguin (1848-1903) malten Women of Colour in erotischen und exotischen Posen. Die indisch-ungarische Künstlerin Amrita Sher-Gil (1913-1941) schuf 1934 ein Selbstporträt als Tahitianerin und kehrte den Blick von Gauguin und seinen Zeitgenossen auf widerständische Art und Weise um. Das Selbstporträt ist als Leihgabe aus der Sammlung V. und N. Sundaram nach seiner Präsentation auf der documenta 14 ab 27. September 2017 in „Der blinde Fleck“ zu sehen. Darüber hinaus zeigen Leihgaben aus dem Übersee-Museum Bremen und dem Museum für Völkerkunde Hamburg, dass sich auch Künstler in den Kolonien ein Bild von den Kolonialherren machten. Die teils humoristischen, teils verstörenden Darstellungen von Europäern halten den Besuchern einen Spiegel vor.

Handel in der Hansestadt. Koloniale Bildwelten bis heute
Bremer Kaufleute waren seit Jahrhunderten über die Niederlande und Großbritannien in koloniale Handelsbeziehungen eingebunden und hatten im 19. Jahrhundert beträchtlichen Anteil an der Kolonialisierung überseeischer Gebiete. Das soziale Leben, dass sich rund um Kolonialwaren etablierte, fand seinen Niederschlag in Gemälden lokaler Künstler, so zum Beispiel in Paula Modersohn-Beckers (1876-1907) Stillleben mit Äpfeln und Bananen (1905) und Elisabeth Perlias (1906-1993) Kaffeegarten an der Weser (o.D.). Darüber hinaus vermittelten Werbeplakate des Norddeutschen Lloyd, die als Leihgaben des Deutschen Schifffahrtsmuseum in der Ausstellung zu sehen sind, die globalen Netzwerke und Ansprüche der Hansestadt. Die nigerianisch-deutsche Künstlerin Ngozi Schommers (*1974) hat sich in einem Auftragswerk kritisch mit Bremer Kolonialwarenverpackungen aus der Sammlung des Übersee-Museums auseinandergesetzt, die sie in ihrer Installation (Un)Framed Narratives (2017) knapp 50 Porträts westafrikanischer und afro-deutscher Frauen gegenüberstellt.

Schlaglichter Bremer Kolonialgeschichte
Fritz Behn (1878-1970), der Bildhauer, der das ehemalige „Kolonial monumental Elefanten aus Backstein entwarf, das 1932 hinter dem Bremer Bahnhof enthüllt wurde, ist in der Sammlung mit der Bronzefigur mit den Leihgaben Nubier (1911) und Gerahmt werden diese Figuren u.a. mit historischen Filmaufnahmen Nationalsozialismus. Gemeinsam mit einer bebilderten Zeitleiste werfen sie Schlaglichter auf Bremens koloniale Vergangenheit und ihr Erbe.
Kooperation: Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarb Vermittlungsprogramm ausschließlich von zu diesem Anlass methodisch geschulten People of Color durchgeführt.

Ausgestellte Künstler: Mit Arbeiten von Fritz Behn, Paul Gauguin, Georg Kolbe, August Macke, Paula Modersohn Pechstein und Amrita Sher-Gil sowie von den japanischen Holzschnittkünstlern Okumura Masanobu, Suzuki Harunobu, Katsukawa Shunsh Kitagawa Utamaro, Hosoda Eishi, Katsushika Hokusai, Utagawa Hiroshige und Kawanabe Ky Gebieten des heutigen Angola, DR Kongo, Kamerun und Nigeria. Drei zeitgenössische Beiträge stammen von Vivan Sundara In der Oberen Rathaushalle wird zeitgleich zur Ausstellung die Künstlers Hew Locke (*1959) gezeigt. W

Ausstellung: „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“
Laufzeit: 5.8. – 19.11.2017
Pressekonferenz „Der blinde Fleck“: Freitag 4. August 2017, 11h,
Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen |
Pressekonferenz der ortsspezifischen Installation „Cui Bono“ von Hew Locke
im Rathaus: Donnerstag 3. August 2017, 15h, Obere Rathaushalle




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