KUNSTFREUNDE das Blog über Kunst, Künstler und Ausstellungen

Fr Februar 10th, 2017

Willkommen im digitalen Wahnsinn – Kunst vermitteln ohne Kunst zu zeigen

Vor wenigen Tagen, begann für uns sichtbar die Diskussion über den Irrwitz der Bildrechteverwertungsregelungen in digitalen Zeitalter in Deutschland. Roland Nachtigäller, der Künstlerische Direktor des MArta Herford beschrieb die irrwitzige Situation. In seinem Museum können eigentlich keine Bilder von Künstlerinnen und Künstlern, die durch die VG Bild-Kunst  vertreten werden, mehr auf den Webseiten des Museums gezeigt werden. Weder als Ausstellungsdokumentation noch als historische Aufnahme.

Institutionell können auch Jahre später noch hohe Summen von Museen, Kunstvereinen und auch von Galerien gefordert werden. Begründung: Die Institutionen zeigen Arbeiten von vertretenen Künstlerinnen und Künstlern. Im digitalen Zeitalter wird eine Institution, die dort aktiv ist und sich zeitgemäß auch dort für die Kunst einsetzt bestraft. Vermutlich ist das auch nur in Deutschland so, auch wenn die ganze Welt, die Künstlerinnen und Künstler über diese Arbeit wahrnimmt. Egal.

Nur zum Verständnis: Das Künstlerinnen und Künstler von ihrer Arbeit leben sollen, dass die sozialen Sicherungssysteme auch für diese Berufsgruppe wichtig sind, das ist unbestritten. Und es geht bei den Museen und Kunstvereinen um Kulturvermittlung. Bei den Galerien kommt zusätzlich hinzu, dass ihr Geschäftsmodell in aller Regel auf den Verkauf von Kunst aufgebaut ist. Eine Aufgabe der Galerie ist es u.a. den Namen und das Werk eines Künstlers bekannt zu machen, durch Ausstellungen, Messen und/oder andere Marketingaktivitäten, um letztlich auch dem Künstler zu Einnahmen zu verhelfen. Alle Kunstinstitutionen und Galerien sind der Motor, der Kunst in die Gesellschaft holt.

Die Forderung digital endlich die Verwendung von Bildern freizugeben, wie Roland Nachtigäller sie fordert, die in den Häusern, mit dem Einverständnis der zeitgenössischen Künstler gezeigt wird, ist überfällig. Gebt die Bilder frei! Egal ob für Galerie, Museum oder Kunstverein. Weg mit diesen Abgaben. Mit einer z.B. von Roland Nachtigäller angeregten Abgabe auf digitale Geräte, die dann auch die privaten Fotos, millionenfach in Galerien, Museen und Kunstvereinen aufgenommenen und ins Netz gestellten Abbildungen von Kunstwerken würden die Abgabeausfälle für die Künstlerinnen und Künstler mehr als kompensieren. Und auch für die Musiker und überall, wo sich die Handys in die Luft strecken und die Fotos im Netz landen.

Kompensation kann ganz einfach sein.

Aber zurück zum Thema. Digital Abgaben zu erheben trifft die Museen und auch die Galerien an ihrem zentralen Feld. Der Visualisierung, warum ein Besucher in einen Kunstort kommen soll. Er soll etwas tolles und wichtiges oder verstörendes erleben, sehen, erfahren können. Und die Künstlerinnen und Künstler, die oft erst in Galerien und dann auch in Museen gezeigt werden, brauchen diese Bühnen um gezeigt zu werden.

Das die Galerien auch z.B. von Schulen besucht werden, dass auch hier bildungsferne Schichten ohne Eintritt Berührung zu Kunst bekommen, ist meist nicht so im Blick. Und das sind nicht nur die jungen, dass sind auch die anderen Altersgruppen. Mit den Besuchen gehen natürlich auch Fotografieaktionen der ausgestellten Kunstwerke einher. Diese Fotos sind je nach Anlass Unterrichtsmaterial oder Dokumentation des Ausfluges etc. Und das findet sich oft auf den Internetseiten der Besucher, z.B. in privaten Blogs oder auf Schulseiten auf denen Schüler über ihre Projektwoche und der Auseinandersetzung mit Kunst berichten.

Hier wird das Ungleichgewicht deutlich: Die Institutionen, die nicht nur die unkalkulierbare Abgabenlast für die VG Bild-Kunst rückwirkend schultern müssen, sind dieselben die auch die Künstlersozialkasse mit ihren Abgaben füllen. Als Galeriebetrieb ist man natürlich auch mehrwertsteuerpflichtig (für die Galerien in Deutschland kürzlich erst auf 19 % angehoben).  (Nur zur Abrundung, bei Kunstverkäufen aus dem Atelier ist der Mehrwertsteuersatz beim Künstler aber bei 7 % geblieben).

Für die aktuelle und die zukünftige Situation scheint es sich für die Kulturinstitutionen Museum und Kunstverein auf eine abbildungsfreie Internetpräsenz  mit Fotoverbot in den Ausstellungen hin zu bewegen. Damit sind die Künstler und ihre Kunst immer weniger breit in der Öffentlichkeit zu sehen.  Dass auch von immer mehr Kunstbloggern zu hören ist, die abgemahnt werden zeigt wie vielfältig das Feld ist.

Für die Galerien wird es auf eine gänzliche Verdrängung vom Markt hinlaufen. Die digitale Abgabenlast macht eine adäquate Onlinepräsenz unmöglich. Dazu kommt die Möglichkeit für Künstler auch rückwirkend einer Galerie die Verwendung ihrer Abbildungen  zu untersagen. Das klassische Galeriegeschäft einen Künstler zu fördern, um ihn oder sie groß zu machen, kann dann beim Verlassen der Galerie durch den Künstler zur Instrumentalisierung der VG Bild-Kunst führen. Nachträglich alle Bilder löschen zu müssen, wird dann vom Künstler über die Verwertungsgesellschaft gefordert, egal ob die historischen Beiträge vereinbart waren oder nicht. Die Ausstellungsdokumentation, in der nicht ein einzelnes Bild sonderen mehrere gezeigt werden scheint ausgenommen. Das bedeutet dann: nur noch Gruppenausstellungen, im eigenen Haus und/oder als Messestand. Keine One-Artist Shows mehr.

Steuerlich bereits vom Gesetzgeber schlechter gestellt zu sein und dann durch die Künstler erpressbar zu sein, macht das Basisgeschäft einer Galerie fast unmöglich. Vom Bundesverband Deutscher Galerien ist in dieser Sache nichts zu hören, schade eigentlich. In Punkto Galerie bleiben dann eben nur die großen internationalen Galerien über, die nicht in Deutschland ansässig sind oder einen Briefkasten auf den Bahamas oder demnächst in London haben.

Es verlieren aber alle, da die Künstler und Künstlerinnen vielleicht kurzzeitig einen neuen Abgabenstrom für sich generieren können, langfristig, aber nicht mehr in der Öffentlichkeit stattfinden und die kulturelle Vielfalt auch an dieser Stelle verloren geht. Auch die Verwertungsgesellschaften verlieren, weil viele Abgabenzahler schlicht nicht mehr da sind. Oder werden die Weggefallenen durch die vielen Banken, Anwaltskanzleien usw. die in den lokalen Medien mit Kunstausstellungen werben, dann die neuen Abgabenzahler, da sie bisher nicht behelligt werden? Und die Künstler, die digital ebenfalls wenig unterwegs sind, finden auch nicht mehr statt. Vielleicht noch in privaten Instagram oder Pinterest Accounts, aber nicht mehr eingebettet in gesellschaftliche Inhalte.

Ein staatlicher Verdrängungswettbewerb im eigenen Land gegen die Kreativwirtschaft und auch gegen die eigenen staatlichen und bürgerschaftlichen Einrichtungen.  Noch kann der Kurs korrigiert werden. Gebt die Bilder frei!




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