Do September 10th, 2009
Kunst is the answer – Wolfgang Meluhn
In der modernen Kunst haben die Künstler ab 1968 die Deutungshoheit über Kunst für sich reklamiert und diesen Anspruch auch durchgesetzt. Bis heute und da sind Grundgesetz und Urheberrechte mit im Boot, ist der Künstler, der Künstler ist und nicht Hausfrau, Rechtsanwalt oder Rentner, immer Herr über sein Werk. Selbst wenn es verkauft ist, bleibt er der geistige Eigentümer. Er ist der der jeden Vertriebskanal für seine Arbeiten nutzen kann. Und wenn in Krisenzeiten die Politik und die Gesellschaft wegen knapper Mittel hier meint sparen zu können, kann das böse nach hinten los gehen. Weil der Mensch nicht von Geld allein getrieben wird, sondern immer auch geistige Beschäftigung für sein Wohlergehen braucht und da Kunst als Wirtschaftszweig zwar groß ist, aber weniger spektakulär, wie z.B. die Autoindustrie, jeden Tag agiert, auch mal Millionen generiert und im Tagesgeschäfte viele 100.000 Menschen beschäftigt.
Wie Künstler mit der Ignoranz der Zeit umgehen ist sehr unterschiedlich. Bei Wolfgang Meluhn bekommt nicht seine Kunst, aber sein Marketing guerillaartige Züge. Er spielt mit der Globalisierung und der englischsprachigen Universalverständlichkeit, wenn er seinen Kunstansatz mit dem Satz “Kunst is the answer” bedenkt. Verständlich für die meisten Menschen, die normalerweise Deutsch sprechen obwohl der Satz korrekt “art is the answer” in komplett englischer Sprache heißen müsste. Meluhn spielt hier auf die in den Medien immer wieder geäußerte Formulierung an, dass auf Fragen der Zeit Antworten gesucht werden. Kunst im umfassenden Sinne hält er für die Lösung der aktuellen Probleme. Umfassend und durchaus ernst gemeint.
Wie ernst, dann aber auch wieder in der Form spielerisch, zeigen seine Fotoserien, in denen er wie ein fundamentalistischer Glaubensangehöriger irgendeiner religiösen Gemeinschaft auf die Straße zieht und in dem gleichen Habitus seine Werkkataloge als Antwort den Passanten nahe bringt. Die Glaubensebene im Menschen als tiefstes Gut der Struktur des Menschen, das immer wieder zu irrationalen und zum Teil unmenschlichen Verhaltensweisen führt, spricht er in der äußeren Form an und hält seine Offenbarung dagegen, die nicht ausgrenzt oder spaltet, sondern Verstehen und Kommunikation schafft und damit diese starren Fronten bricht.
Ausgangspunkt der Kampagne “Kunst is the answer”, ist eine ungesehene Ausstellung von 30 Werken die Meluhn im August 2009 in der Städtischen Galerie Halle/W. nicht gezeigt hat. Die Arbeiten zu der Ausstellung haben vier Wochen lang in der ungeöffneten Galerie gehangen. Es gab keine Vernissage, keine Finissage und selbst das Gerücht, das Meluhn eine Ausstellung hat und sie nicht öffnet, führte zu Besuchen von Sammlern, die aber nicht in die Galerie hereingelassen wurden (s. Bild).

Der Titel der Schau war “sehen müsste man können” und beschreibt was geschehen war. Der Betrachter kann nicht sehen, da das was er sehen will, ihm nicht gezeigt wird. Die verschlossene Galerietür verhindert den Besuch und die Betrachtung. Die künstlerische Bedeutung geht aber noch weiter und verdreht die sonstige Ignoranz von Ausstellungsbesuchern, die die Kunst eines Künstlers oder einer Künstlerin betrachten, aber sie nicht verstehen, nicht verstehen wollen und sich nicht auf den Dialog mit den Bildern und dem Künstler einlassen wollen. Hier wird dem Profi oft nicht vertraut, dass das was er macht auch deshalb als Kunst einen Wert hat, da der Profi diesen dem Werk zumisst. Auch der Automonteur wird in seinem Tun nicht verstanden, aber wenn das Auto wieder läuft ist der Zwischenschritt unverstanden, aber akzeptiert. Bei Kunst ist das genauso. Die Kunst hat aber per se nicht diesen originären Wert, da ein Zweck, vom Betrachter offenbar nicht zugebilligt wird.
In Zeiten wie diesen wird dieser scheinbare Wert immer wieder diskutiert und findet sich in der Dienstleistungsbranche auch immer wieder. Dort wird eine komplexe Dienstleistung gerne als pauschal “zu teuer” verbal abgewertet, obwohl ernsthaft kein Verständnis für die vielen Zwischenschritte die zur Erbringung einer Dienstleistung notwendig sind, Materialkosten, Personalkosten, Fahrtkosten aufgebracht werden. Nur das Ergebnis wird gewünscht und für das gewünschte Ergebnis aber nicht die notwendigen Eigenleistungen in Form von Geld gesehen. Und genau hier ist der Kunstansatz Meluhns wegweisend und zeitaktuell und nimmt die verrutschte Verhaltensweise vieler Zeitgenossen vom Verbraucher über Firmen bis in die Verwaltungen und in die Politik ins Visier. Viele wollen materiell alles mögliche, aber nichts dafür bezahlen und drängen die andere Hälfte der Gesellschaft in Not und wundern sich, dass danach auch ihr Umfeld/Leben ins Rutschen gerät. Alles ist mit allem verbunden und wehe uns, wenn wir Kultur und Kunst als überflüssig abschaffen und uns dann wundern, warum soziale Ruhe, kulturelle Achtung und menschliches Miteinander Schaden nehmen.
Der Mensch lebt nicht vom Geld allein und das kann man dann noch nicht mal essen, geschweige denn wie ein gutes Bild, ein schönes Buch oder einen herrlichen Park sinnlich, umfassend und immer wieder neu mit allen Sinnen erleben.
Das ist Menschsein in seiner besten Form.
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Christiane Hoffmann, ist Inhaberin der






8 Kommentare to “Kunst is the answer – Wolfgang Meluhn”
Vielen Dank für den Hinweis auf Wolfgang Meluhn & die Gedanken über den Wert von Kunst & Kultur!
Fr 11. September 2009 at 07:54
[...] hat mit seinem Guerillakunstprojekt “Kunst is the answer” und der Ausstellung “sehen müsste man können – aber wir haben nur lesen gelernt” ein Statement zum aktuellen Kulturdiskurs gefunden, dass nachdenklich [...]
Fr 11. September 2009 at 10:09
Wenn ein Künstler seine Arbeiten nicht zeigt, könnte man denken, der Künstler ist beleidigt oder protestiert gegen die Ignoranz des Publikums. Ein Zitat von Wolfgang Meluhn. Bei mir als Künstler würde ich sagen. Ich als Künstler möchte meine Kunst zeigen, somit protestieren gegen Fälschungen am Kunstmarkt. Ich als Künstler bin nicht beleidigt, sondern die Kunsthändler auf mich, da es ein System gibt, dass absolut Fälschungssicher ist.
Und somit will man mich in der Kunst mundtot machen und auch nicht in keiner Ausstellung zeigen.
Mehr unter:
http://www.fingerprint-on-art.com
So 13. September 2009 at 19:17
[...] Künstlerbegriffes mit der nicht vorhandenen Berufsförderung in Deutschland zu. Die untere Liga der Künstlerinnen und Künstler muss sich mit den kreativen Amateuren herumschlagen, die in den Städten und Gemeinden, von den [...]
Fr 18. September 2009 at 22:26
[...] was hat er in der Hand? Einen Kunstkatalog mit nichts drauf außer dem Satz Kunst is the answer. Wolfgang Meluhn ist dieser Künstler, der vor einer weiteren guerilliaartigen Aktion nicht [...]
Do 1. Oktober 2009 at 22:54
[...] der Ausstellung von Wolfgang Meluhn “Sehen müsste man können, aber wir haben nur lesen gelernt” eröffnet am 11.Oktober 2009 in der Städtischen Galerie Alte Lederfabrik in [...]
Sa 3. Oktober 2009 at 18:21
[...] Der ein oder andere aufmerksame Leser mag sich gefragt haben, welche Ausstellung denn vor Lore Heuermann in der Alten Lederfabrik in Halle lief. Das war die Ausstellung von Wolfgang Meluhn “Sehen müsste man können, doch wir haben nur lesen gelernt”. Wer die Ausstellung verpasst hat, dem sei der Film emfpohlen. Weitere Infos gibt es auch bei kunstfreunde-blog.de. [...]
Di 6. Oktober 2009 at 17:46
[...] gab es die Ausstellung “Sehen müsste man können, aber wir haben nur lesen gelernt” in Halle in der alten Lederfabrik. Oder gab es sie eigentlich gar nicht. Wer hat sie [...]
So 18. Oktober 2009 at 22:58
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