KUNSTFREUNDE das Blog über Kunst, Künstler und Ausstellungen

Fr September 18th, 2009

Ein Jahr nach was – wie fühlt sich die Branche – ein Feldversuch

Gut ein Jahr ist es her, dass mit der Wirtschaftsblase, auch das Abendland zu platzen drohte. Erst nicht, aber dann wurden bei den Winter- und Frühjahrsauktionen nicht mehr diese exorbitanten Erlöse erzielt wie anno 2008.

Also heute, 1 Jahr nach Stunde Null, ist die Frage ja berechtigt wie geht es uns? Was macht die Kunst, was macht die Wirtschaft rund um die Kunst, gibt es noch Kunst oder sind alle Beteiligten ausgewandert und wenn ja wohin?

Um diese Fragen und das Stimmungsbild zu erforschen, ist ein Messebesuch immer hilfreich. Nie trifft man so viele Mitspieler wie an so einem Messewochenende. Aber sind die großen Messen wie art basel oder contemporary art fair die Richtigen? Die Kunstfreunde haben sich entschieden, die art fair europe als ersten Stimmungstest zu besuchen. Dort sind neben Galeriegroßhändlern auch viele „normale“ Künstler, Dienstleister rund um Kunst und Produzentengalerien vertreten.

Um es kurz zu machen, das Bild ist gemischt. Einige haben viel mehr zu tun als früher, wenige sind am verhungern, einige haben 10 % verloren, aber arbeiten auf hohem Niveau. Die Branchenriesen in Sachen Bildrahmung üben sich in Messeverzicht und machen daher ein schlappes, immer noch sehr sattes Gesicht, das an Überheblichkeit grenzt. Pfiffige kleine Zulieferer der Galerie und Museumsszene setzen auf Innovation und experimentieren mit neuen Werkstoffen und die Galeriegroßhändler setzen auf große Namen.

Hier wie oft am Markt in 2009 beobachtet, werden Arbeiten ab 10.000 Euro aufwärts gut bis sehr gut verkauft, die Segmente zwischen 1.000 und 5.000 Euro sterben aus, da niemand mehr kauft und unter 1.000 Euro ist viel Dekoration, Kunstdruck und Sinnspruchkunst unterwegs.

Für die Künstlerinnen und Künstler die nicht zu der Bundesliga des Verkaufens gehören, Berufsanfänger und gute Profis ohne perfektes Marketing wird es immer schwieriger. Hier schlägt die Problematik des undeutlichen Künstlerbegriffes mit der nicht vorhandenen Berufsförderung in Deutschland zu. Die untere Liga der Künstlerinnen und Künstler muss sich mit den kreativen Amateuren herumschlagen, die in den Städten und Gemeinden, von den Banken und Rechtsanwaltskanzleien als „Künstler vor Ort“ wahrgenommen werden. Gut gemeinte Kulturförderung der Wirtschaftsförderer, die die Geschäfte vor Ort mit gemalten Bildern möblieren und mit einem Einheitsflyer aus der Hausdruckerei versehen, schafft für die Laien vielleicht eine „Hebebühne“  aber für die Profis die von ihrer Kunst leben wollen und müssen, da sie diese studiert haben und bei der Künstlersozialkasse versichert sind, ist diese Beteiligung eine Rolltreppe in den Keller. Warum für ein Bild vom Profi gemalt 500 Euro ausgeben, wenn das Laienbild doch nur 100 Euro kostet. Und wer definiert die Qualität im Land?

Untypisch deutsch ist die Definition eines Künstlers in die Steuerbürokratie verlagert worden. Es gibt keine bezahlten und mit der nötigen Achtung und Kompetenz versehenen regionalen Zentren, die nur Profikunst zeigen und fördern. Absolventen von Kunstakademien haben kein Anrecht auf Ausstellungen in öffentlichen Galerien. Stiftungen fördern nur gemeinnützige Antragsteller, etc. Überall werden Subventionen für die Wirtschaft bereitwillig gezahlt, nur die Kunst muss im freien Wettbewerb bestehen. Selbst Volkshochschulen werden von der öffentlichen Hand immer mehr in den privatwirtschaftlichen Bereich gedrängt und wildern dort, wo der Markt auch nicht stark ist, mit den Privatwirtschaftlichen und machen eben mit dem unscharfen Kunstbegriff auch hier viel kaputt.

In Europa wird überall zwischen Profikünstlern und Laienkreativen unterschieden, nur hier in Deutschland ist das ungeklärtes Terrain. Daher halten sich die großen Häuser an die Alten oder teuren Künstler, die sind akzeptiert. Mit der jungen und mittelalten Kunst ist das so eine Sache. Und genau das erleben wir zur Zeit am Markt. Wer nicht sehr teuer ist, mit guten Marketing vernetzt, der geht unter und findet sich in den Artotheken der Bibliotheken wieder. Kunst kann jeder und das fällt der Gesellschaft auf die Füsse. Das ist ein Trugschluss, nur dass ein auswandernder Künstler nicht so eine Medienwelle macht wie ein abwandernder Mediziner.

Wenn der Trend so weiter geht, wird das Abendland vielleicht nicht untergehen, es wird nur weniger bunt, weniger facettenreich und weniger erschwinglich gute, originale Kunst in der Wohnung zu haben. Kunstdruck und malen nach Zahlen oder Damien Hirst – was dazwischen wird es nichts mehr geben.

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1 Kommentar to “Ein Jahr nach was – wie fühlt sich die Branche – ein Feldversuch”

Marc McLuhn sagte:

Also wie weiter? Den Finger heben und rufen: …bin auch noch da! das ist nicht meine Welt, male ja auch keine Aquarelle. Auf die Pauke hauen ist auch nichts für mich, haue auch keine Bilder. Maler können sich auch nicht zusammenschließen, Techniken, Stile, Themen sind doch zu unterschiedlich, als dass man sich so abstrahieren könnte. Nein, jeder kämpft weiterhin als Einzelgänger und schneidet sich sein großes Stück aus dem Kuchen, der das Wirtschaftsleben bedeutet. Ich biete jetzt Zahnarztkurse an: Lernen Sie an einem Wochenende Bohren und Zahnfüllungen machen, so gut wie jeder Zahnarzt. Sparen Sie bares Geld mit einem Lächeln mit weißen Zähnen. Keiner muß jahrelang studieren, Zähne bohren ist auch nicht anders als Holz oder Alu bohren. Wer schon mal seine Badewanne mit Silikon abgedichtet hat, der kann mit den zur Verfügung stehenden raumfahrtgetesteten Kunststoffen sichere und jahrelang haltbare Füllungen herstellen. Wenn Sie überlegen, was Sie pro Füllung an Zuzahlungen leisten müssen, dann hat sich die Kursgebühr und das kleine Zahnfüllset schon nach sieben Zähnen amortisiert. Und eine elektrische Bohrmaschine findet sich ja heute in jedem Haushalt. Wenn Ihr kleiner Sohn Sie wieder mal am Samstagabend mit Zahnschmerzen ärgert, dann erledigen Sie das Problem im Handumdrehen selbst. Sie sind der Mann oder die Frau. Machen Sie diesen Kurs, er gilt auch als Grundkurs für den nächstes Jahr stattfindenden Zahnziehkurs.
Bitte melden Sie sich.

Mi 30. September 2009 at 14:50

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